Weiber fast Nacht

Liebe Nina, ich muss den Haushalt machen. Es ist so dreckig in den Ecken. Der Staub verrät viel über das, was passiert und erlaubt es uns, die Entstehung und Entwicklung der Welt und des Universums zu verstehen. Der Staub kann uns viel verraten. Er ist überall dort, wo es Sterne gibt. Die Sterne allerdings sind nicht immer leicht zu entdecken. In einer Mischung unterschiedlichster anorganischer und organischer Stoffe, finde ich vornehmlich Schuppen, Fussel, Fasern, Pollen, Milben, Bakterien, Pilze, Spinnweben, Läuse und Silberfischchen. Als Wollmäuse sitzen sie zusammengeklumpt unter Schränken und Betten oder klammern sich an den Stuhlbeinen fest. Im Karneval wirbelt der Sturm den Filz durcheinander. Da ist dann nichts mehr sicher. Vor mir nicht sicher. Wie das Silberfischchen vom Luftzug des Staubsaugers brutal erfasst und vom Rohr verschluckt. Moralische Bedenken? Ganze Welten aus ihrem Zusammenhang gerissen, verschluckt, entwurzelt, abgezogen, nicht mehr zurückgekehrt. Ein respektloser Angriff auf das Leben und die universale Ordnung. Mein Heim soll sauber sein. Selbstbestimmt.  Gesund. Wir können bald fliehen. Es wurden neue lebensfreundliche Planeten entdeckt. In unmittelbarer Nachbarschaft unseres Sonnensystems gibt es Erden. Sollte da noch niemand leben? Auf Kapteyn b oder Kapteyn c werden demnächst Grundstücke verkauft. In nur 13 Lichtjahren Entfernung. Und seit ein paar Tagen kursieren Gerüchte um gleich 6 neue lebensfreundliche Planeten im System Trappist 1, allerdings in 40 Lichtjahren Entfernung. Das Radio erzählt immer spannendere Geschichten.

„Wir wollen mit unserem Handeln nachhaltig Werte schaffen“ lautet die Mission (von Henkel). Und ich putze weiter mit den verheißungsvollen Mitteln. Unterdessen erzählt mir Andrea Oster vom WDR Politikum etwas über die Managergehälter, die mal wieder für Gesprächsstoff sorgen. Was müssen das für historisch bedeutsame Persönlichkeiten sein, die monatliche Einkommen von €500.000 bis €1.000.000 einstreichen. Und was müssen sie davon nicht alles selbst bezahlen? Ihre Mieten, ihre Telefonrechnungen, ihren Urlaub und ihre Rentenversicherung? Bleibt ihnen am Ende des Jahres auch wirklich etwas davon über oder haben sie dann alles angelegt in Kunst und Kultur, haben sie Werte für die Nachwelt geschaffen? Können wir doch stolz darauf sein, solche großartigen Persönlichkeiten hervorgebracht zu haben, die ihren Lebenssinn darin sehen, unsere Wirtschaft zum blühen und uns in Arbeit zu bringen. Und ich habe Putzmittel zur Verfügung, die ich sonst nicht hätte und blicke auf Schornsteine und Fabrikhallen, sehe Labore und Werkstätten, Parkplätze voller Neuwagen und wünsche mir eine Zulassung, damit ich auch mit im Stau stehen kann. Den Motor bitte nicht abstellen, wenn man im Stau steht, damit die Batterie nicht entlädt, raten die Verkehrsnachrichten. Staus ab 8 km Länge. Autoschlangen. Viele Menschen sitzen in klimatisierten Blechkisten, mit GPS über Satelliten miteinander verbunden. Ferngesteuert. Lichtjahre entfernt von Kaptyn. Und es wird dunkel, dass man das Licht nicht ausmachen möchte. Der Motor soll laufen. 1,5 Std. Zeitverlust. Damit die Batterie nicht aufgibt. Ich tauche meinen Wischlappen in den Eimer und wringe ihn wieder aus. In Neu Delhi haben erst 15% der Menschen ein Auto. Wie wird es Delhi ergehen, wenn danksei Wirtschaftswachstum 50% endlich ein Auto haben. Dann kommen die Fahrräder auch nicht mehr durch. Jede Minute sterben 2 Menschen, weil die Luft so schlecht ist. Wird überbewertet. Wir brauchen gutverdienende Manager. Leistung muss sich lohnen. Verantwortung wird wert geschätzt. Und um mich herum wachsen die Straßen in die Breite und dehnen sich Landebahnen aus. Zu unserem Wohle. Die Züge kommen zu spät und bei der Wuppertaler Schwebebahn schließen die Türen nicht. Mindestens einmal am Tag müssen die neuen Wägen in die Werkstatt. Kein technischer Fehler – ein Problem der Software. An künstliche Intelligenz wage ich zu denken. Wir feiern Karneval und genießen die Gaudi. Schon 16 Uhr und noch nicht besoffen. Kippen schnell was nach. Kotzen uns dann erst mal aus. Und nachher darf es wieder weiter gehen. Der Wind bläst uns bedenklich um die Ohren. Bis zu 120km erreichen manche Böen.

Es ist fast Nacht, die Weiber können nach Hause gehen. (Weiberfastnacht )  Ich habe geputzt, das Nötigste nur, Kolonien zerstört, die Umlaufbahnen von Milliarden Universen willkürlich durcheinandergebracht, mutmaßlich Ordnung geschaffen. Dabei habe ich nichts verdient und kein Wachstum geschaffen. Mein Leid. Das Leid vieler Frauen. Geteiltes Leid ist halbes Leid. Und auf der Strasse knallt Karneval, brüllen und schubsen die Jecken, in schrillen Farben. Ein paar Tage dem Aufstand frönen. Kurzes Strohfeuer entfachen. Rathäuser stürmen. Dem Manager die Krawatte kürzen. Dannach erst den Rausch ausschlafen und dann wieder dienen. Frohes rheinländisches Gemüt. Sehr pragmatisch. Und unbedingt gesund. Denn wir lachen doch zu wenig. Die durchschnittliche Lebenslachzeit ist in den letzten 50 Jahren bedenklich rückläufig. Die Wirtschaft wächst, aber das Lachen stirbt. Auf die gesamte Lebenszeit hochgerechnet wird wahrscheinlich noch immer so viel gelacht wie früher, doch es verteilt sich auf einen längeren Zeitraum. Ökonomie des Ausgleichs. Weniger Menschen haben viel mehr als die vielen anderen. Konzentration. Zusammen lachen wir genug. Es mag sich nur anders verteilen. Manche haben eben nicht ganz so viel zu lachen. Das mag ungesund sein. Können wir aber auch nicht ändern. Lachen wird überbewertet.

Ein Gedanke zu “Weiber fast Nacht

  1. Lieber Michael,
    kann das sein, dass du zu viel, zu lang WDR5 gehört hast?
    Mit dem Putzlappen schunkeln, nach irgendwelcher Viecher hinter dem Schrank suchen und finden und dabei Wortbeiträge zu hören – das kann nur einen Protestant am Altweiber (sagen die Schiefbahner) oder Fettweiber (sagen die Öcher) betätigen. Putzmunter. Putzwütend. Ein Imi. So wie ich. Allerdings bin ich meistens als Lappenclown unterwegs – nur dieses Jahr nicht.
    Bist du so grün, dass du dir wirklich Gedanken machst wenn das Leben von so einem kleinen Viech an dir hängst? Bist du nicht mit Ungeziefer in gewissermaßen groß gezogen, so dass du die alle ekelhaft findest? Oder gehörst du zu der Kategorie die Mäuse süß finden? Ich sehe keinen Unterschied – auch Mäuse, finde ich, gehören nicht in einem Haushalt. Zumindest nicht in meinem.
    Zum Thema Lachen, ja, das stimmt – die Leute hier lachen zu wenig. Dafür jammern sie mehr. Ich lache mich kaputt wenn ich so was höre wie „sie geht im Keller zum Lachen“ oder „er hat ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter“. Zum Glück gibt es jetzt noch ein paar Planeten dazu. Vielleicht lachen die Marsmenschen dort sich kaputt über uns. Ob Astronauten viel zu lachen haben?
    ich lache jetzt nicht. ich gehe schlafen. Boa Noite

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