Die Wurzelbehandlung als solches hat einen nicht so guten Ruf. Dabei wird der Wurzelkanal behandelt, werden die Nerven entfernt, der Zahn zum Sterben gebracht. Bisweilen können mehrere Behandlungen erforderlich sein, bevor die Nervenbahnen gekappt und entfernt worden sind. Danach ist der Zahn tot. Die „Entwurzelung“ beschränkt sich auf das Abstellen eines Gefühls. Der Zahn selbst bleibt erhalten, kann seine Funktion weiter erfüllen, stellt lediglich die Übertragung von Reizen ein. Das Kauen erfolgt schmerzfrei. Der abgestorbene Zahn kann weiter degenerieren. Erstmal bleibt er an Ort und Stelle erhalten und erfüllt seine ihm zugewiesene Aufgabe. Außerdem ist der Anblick gefälliger als eine Lücke im Gebiss.
Im Gartenbau hingegen wird dafür gesorgt, dass die Wurzeln am Leben bleiben. Von toten Wurzeln hat die Pflanze nichts, kann sich weder ernähren noch aufrecht halten. Eine gute Versorgung der Wurzel ist die Voraussetzung für eine gesunde Pflanze. Über die Wurzeln gelangen die Nährstoffe in die Pflanze. Die Photosynthese hält derweil den Kreislauf im Gange. Von den Wurzeln über den Boden gelangen die Baustoffe für Stamm, für Äste, für die Blätter, die Blüte und die Frucht an den Ort ihrer Bestimmung und bilden zusammen den Habitus und das Erscheinungsbild der Pflanze. Ohne Wurzel kein Leben. Die Wurzel ist für die Nahrungsaufnahme zuständig. Eine Entwurzelung führt unmittelbar zu Hunger, damit zur Unterversorgung und über kurze Zeit zum Tod.
Es gibt Schnittblumen, die in der Vase wieder Wurzeln treiben. Geschickte Hände sind in der Lage, aus Stecklingen neue, gesunde Pflanzen heranzuziehen. Es müssen aber dazu allerhand, entweder bewusst kontrollierte Maßnahmen oder glückliche Zufälle zusammenkommen, damit aus der einmal brutal beschnittenen Pflanze ein neues vollkommenes Lebewesen hervorgehen kann. In der Regel entsteht neues Leben aus dem Samen, keimt die Pflanze im Boden, wenn die für sie gewünschte Temperatur herrscht, die erforderliche Feuchtigkeit vorhanden ist und das Licht ausreichend zur Verfügung steht. Jedes Lebewesen hat da so seine Präferenzen und spezifischen Anforderungen an die Umwelt. Manche Eigenschaften lassen sich fördern und durch Selektion herausbilden, sind aber im genetischen Code festgeschrieben und können nur beschränkt im Laufe eines Lebens durch Erziehung beeinflusst werden.
Es gibt Firmen, die lassen sich derlei Eigenschaften patentieren. Über Patente erwirken die Inhaber sich für einen bestimmten Zeitraum die exklusiven Rechte zur Nutzung und Verwertung einer Erfindung. Wer patentierte Pflanzen anbauen will, braucht die Erlaubnis der Patentinhaber. Jedes Jahr muss das Saatgut neu erworben oder eine Lizenzgebühr entrichtet werden. Immer weniger große Anbieter bedienen einen wachsenden Markt. Ihre Marktmacht steigt, derweil die Biodiversität abnimmt und damit die Vielfalt an genetischem Material und das Spektrum an Pflanzen mit unterschiedlichen Eigenarten und Eigenschaften. Die industrielle Produktion erfordert einheitliches Produktionsmaterial. Das vereinfacht den Handel, führt zu einer gesteigerten Effizienz und soll zu einem günstigeren Angebot der konsumierten Ware führen. Die Abhängigkeiten von einigen wenigen Großanbietern steigen. Die Lieferketten in der Ernährungsindustrie werden länger und undurchsichtiger. Die Gewinne verbuchen die multinationalen Konzerne.
Derweil ziehen wir Jungpflanzen in Töpfen an oder kultivieren Ballenware. Für den Gemüsegarten werden Setzlinge in der Gärtnerei angeboten. Diese werden im Gewächshaus und unter günstigen klimatischen Bedingungen angebaut, um später im Freiland oder in einer Gemüsekiste ausgepflanzt zu werden. Auch Sträucher und Bäume können ohne Weiteres in den ersten Lebensjahren als Wurzelware gehandelt werden. Mit ein bisschen Sorgfalt ausgegraben, lassen sie sich von einer Baumschule beziehen, um später in einer Allee, einem Park oder Garten oder als Hecke im Verbund mit anderen Vertretern ihrer Art oder Sorte weiter wachsen zu dürfen. Mit regelmäßigen Schnitten werden sie in Form gehalten oder zurückgehalten in ihrem unbeherrschten Drang das Feld einzunehmen. Die Eiche selbst wandert zwar nirgendwo hin, kann sich aber in wenigen Jahren um ein Vielfaches vermehren, wenn nicht dagegen angegangen wird. Die Gartenbesitzerin kann das bestätigen.
Ein Grundstock an Wurzeln reicht aus, um die Pflanze von einem Standort zu entfernen und an einer anderen Stelle wieder einzupflanzen. Anleitungen dazu finden sich in jedem Handbuch für den Gartenbau oder im Internet. Dazu reicht Grundwissen aus und bedarf es keiner besonderen Qualifikation.
Die Pflege jedoch erfordert einen wesentlich höheren Grad an Aufmerksamkeit als wie wir es uns bisweilen eingestehen wollen. Darum kommen wir zusammen und verlesen uns, nehmen uns die LeseZeit oder LernZeit und kreieren einen Buchstabensalat, davor eine Wörtersuppe und zum Nachtisch eine Lesung – bist du bereit? Hast du #Klim@ktiv schon abonniert oder den Download aktiviert? Gibt es einen Anlass für Austausch oder Aktion oder hat die Arbeit deinen Alltag ausgefüllt und lässt keinen Raum mehr für befreite Reaktion? Lasst uns einen Ideenspeicher eröffnen und auf einem Flipchart offene Fragen sammeln. Wer grün sein will sucht den Dialog. Macht mehr auf Kultur und etwas weniger auf Politik. Um die Straße zu überqueren, braucht es vielleicht Ampeln, aber vielleicht auch nicht – wenn die Autos nicht und die Fahrradfahrer*innen etwas rücksichtsvoller wären. Ich bin mir da immer nicht so klar drin, wer Vorfahrt haben sollte, in dieser Welt voll Bewegung und wo wir alle so wenig Verwurzelung vorweisen können. Da kommt der Gemeinschaftsgarten ins Spiel. Hättest du das gedacht?

Nach Orten der Begegnung sind wir auf der Suche und nicht nur nach der Liebe in Zeiten des Hasses und womit sich Florian Illies vielleicht befassen möchte oder uns zu unterhalten imstande ist – auch gar nicht schlecht – absolut beeindruckend die Vielzahl der Quellen, die dafür aufgetan werden mussten, um uns Marlene Dietrich, Kurt Tucholsky, Theodor Adorno und Jean Paul Sartre mal soeben über die Netzhaut flimmern zu lassen. Viel Gelegenheit hatten diese Charaktere in der Regel nicht, um Wurzeln zu schlagen, wo doch stets irgendwelche Herrschaften sie zu verdrängen suchten oder sie sich schon immer überzählig fühlen sollten, wie Sartre in seiner „Theorie der Kontingenz“, gemäß der das menschliche Leben ein Zufallsprodukt sei und nicht unbedingt einen von höheren Mächten verbürgten Sinn habe. Erklärt doch jede Reflexion darauf, wie sich ein solcher Wahrheitsstatus generieren ließe, für müßig. Damit sei in polemischer Stellung gegen insbesondere den klassischen Idealismus und Realismus behauptet, dass Wahrheit nicht nur ein zufälliger, sondern auch ein willkürlicher Modus der Rede sei. Um aber schlussendlich wieder zusammenzukommen an einem Ort und die Wurzeln nicht der Betrachtung entschwinden zu lassen, müssen wir einander mehr zuhören, miteinander teilen und es wirken lassen.
Hätte doch jede und jeder auf der Suche oder intuitiv bei Entwurzelung an die Migrationssoziologie gedacht, ein Teilgebiet der Migrationsforschung. Ursachen und Folgen von Wohnortswechseln werden seit den 1920er Jahren systematisch anhand soziologischer Kategorien analysiert. Dabei stehen oftmals Fragen nach sozialstrukturellen Mustern von Wanderungsbewegungen, aber auch nach der Integration verschiedener kultureller Einflüsse, innerhalb eines politischen Territoriums, im Vordergrund des Interesses (Wikipedia „Migrationssoziologie“). Das hat mit Botanik herzlich wenig zu tun!
Insbesondere Akademiker verstehen sich häufig als Teil der globalen Wissenschaftsgemeinde und suchen Migrationsziele anhand von Forschungsclustern oder -bedingungen aus. Ihre Identität wird damit nicht mehr durch Nationalstaaten, sondern durch ihre Qualifikation bestimmt. Ein Bruch mit der Herkunftsgesellschaft und eine daran anschließende Assimilation in der Aufnahmegesellschaft findet nicht mehr statt. Entsprechend anders werden soziale Identitäten gebildet, die wie z. B. bei Third Culture Kids hybride oder bi-kulturelle sein können. Da ein konstantes kulturelles Bezugssystem als wesentliche Voraussetzung für eine „stabile“ soziale Identitätsentwicklung gilt, kann Migration ein problematisches Lebensereignis darstellen, das erhebliche Auswirkungen auf die Psyche eines Menschen hat. Diese negativen Konsequenzen werden häufig mit der Metapher „Entwurzelung“ gekennzeichnet. Da lassen sich Parallelen ziehen zwischen der Pflanzenwelt und den oben erfolgten schlichten Beobachtungen. Mit dem wesentlichen Unterschied, dass sich Menschen von allein in Bewegung setzen und sich ihre Ziele selbst suchen, derweil die Pflanze weitestgehend passiv am Prozess der Migration Teilhabe hat. Der Mensch hat Beine und beschleunigt seine Bewegung mittels Räder, steigt in Flugzeuge und fliegt über Meere. Pflanzen sind als Passagiere gegebenenfalls mit an Bord, setzen sich aber selbst nicht in Bewegung.
Wie wollen wir vermeiden, dass sich Menschen in Bewegung setzen, wo sie doch mobil sein wollen und sollen und schon immer gewandert sind, mal um zurückzukehren an den Ursprung ihrer Wanderschaft, mal um zu bleiben. Geschichten entstehen auf Reisen und werden erzählt von den Reisenden. Sie zeugen von fernen Regionen oder von uns nicht bekannten Orten. Niemand kann überall gleichzeitig sein, darum sind wir angewiesen auf Bilder und Berichte aus zweiter und dritter Hand, von Dingen, die wir nie gesehen haben und Ereignissen, denen wir nie werden beiwohnen können.
Wir sind keine Bäume und doch behaupten wir von uns, dass wir Wurzeln schlagen wollen, uns verpflanzt fühlen, uns die herrschenden Bedingungen fremd vorkommen und wir uns nach dem heimatlichen Boden sehnen. Sei es die Sprache oder wären es die Konventionen, sei es das Klima oder das sozialökonomische Umfeld, das uns zum Bleiben oder zum Gehen bewegt. Eine Horde wild um sich schießender, raubend und mordend durch die Straßen oder das Land marodierender Gestalten kann schon als Veranlassung genommen werden, Hab und Gut zu raffen und mit Kind und Kegel die Flucht zu ergreifen. Wer sich lange in Verstecken verborgen hat oder sich nach medizinischer Versorgung und einem warmen Heim sehnt, der nimmt schon die ein oder andere Mühsal auf sich, um woanders erst das Zelt aufzuschlagen und im Verlauf der Zeit neue Wurzeln zu treiben. Denn gänzlich ohne Wurzeln versiegt nach einer gewissen Zeit die Kraft, erlischt das Licht, läuft der Akku leer und vertrocknet die Seele.
Wer Migrationserfahrung hat, wird sich in unterschiedlichen Umgebungen mit seiner alten Heimat oder mit seiner aktuellen Heimat stärker identifizieren, aber von anderen stärker mit der einen oder anderen Gruppe identifiziert. So wird ein in Liberia geborener, der einige Jahre in den USA gelebt hat, bevor er nach Deutschland gekommen ist und inzwischen nur deutsch spricht, von manchen Deutschen als „Afrikaner“ angesehen und so behandelt, aber in Ghana wegen seiner Eigenarten als Amerikaner und in Amerika wegen seiner Sprache, seines Wohnorts und seiner Sozialisation als Deutscher. Das Bewusstsein der eigenen Identität stimmt nicht immer mit der Identifizierung durch die Umwelt überein. So verstehen sich manche aus Rumänien stammende Siebenbürgen als „Deutsche“, werden aber hierzulande als Fremde betrachtet.
Der Mensch hat Wurzeln in seiner Familie, in einer sozialen Gruppe, in seiner Herkunft. Durch Kriege und Vertreibung werden Menschen entwurzelt. Eine solche Entwurzelung kann ein großes Trauma bedeuten, über das Menschen oft nur schwer hinwegkommen. Manchmal will man sich fragen: Wie gelange ich zurück zu meinen Wurzeln? Oder ist es so schlecht, dass mir die Wurzeln genommen worden sind? Zu welchen neuen Erfahrungen und Möglichkeiten kann ich kommen, dadurch, dass ich von den Wurzeln befreit, mir der Zahn gezogen, die Nervenstränge entfernt worden sind? Welche neuen Möglichkeiten sind mir damit gegeben?

Mit dem Verlust der Gruppenzugehörigkeit kann ein ungewollter Identitätsverlust einhergehen. Familie, Volk, Nation, Region, Religion, Gemeinde, Freunde, Partei und Verein gehen verloren – die Entwurzelung manifestiert sich. Oder ein neuer Persönlichkeitstyp bildet sich heraus, der sich in den einschlägigen klassischen psychologischen Modellen nicht wiederfindet und dessen Beziehung zu Gruppen, Gemeinschaften und sozialem Denken ambivalent ist. Otrovertierte kennen das Gefühl sozialer Fremdheit und Unangepasstheit, ohne Kontaktscheu zu entwickeln oder soziale Begegnungen vermeiden zu müssen. Otrovertierte Menschen können als distanziert empfunden und als kritisch, reflektiert und kreativ charakterisiert werden. Sie wahren einen bewussten Abstand zu normativen sozialen Strukturen. Sie suchen Nähe selektiv und bevorzugen authentische, intensive Gespräche gegenüber oberflächlichen oder massenhaften sozialen Kontakten. (Vgl. Stangl, W., 2026, Otrovertiertheit. Online Lexikon für Psychologie & Pädagogik). Otrovertierte Personen werden als unabhängig, kreativ und eigenständig, häufig auch als Menschen, die zwar soziale Kontakte schätzen, sich aber in Gruppensituationen schnell entfremdet fühlen, beschrieben. Ihnen wird eine gewisse Distanz zu kollektiven Denkweisen und sozialen Hierarchien zugeschrieben. Ortrovertierte Menschen sind unabhängig und zeigen wenig Bedürfnis nach externer Bestätigung. Sie besitzen die Fähigkeit, kreative Gedanken und originelle Perspektiven zu entwickeln – gerade, weil sie nicht unter dem Druck stehen, zu einer Gruppe zu gehören.
Die Zielvereinbarung entfällt. Es zählt das Leben, das Wachsen, die Wachsamkeit, die Aufmerksamkeit, die Achtsamkeit, die Präsenz. Die Motivation kommt von innen heraus, in der Wurzel angelegt und das Wesen durchdringend, mit der Blüte werbend und in der Frucht zur Reife gebracht. Die Vollkommenheit und Attraktivität kommt in der Lust zum Ausdruck und sucht den Kontakt mit der Außenwelt, bereit zu geben und zu empfangen. Identität wird über Sprache vermittelt und entsteht erst durch die Kommunikation eines Individuums mit seinen Mitmenschen in jeder Situation neu (Lothar Krappmann). Dadurch ist Identität nichts Starres, sondern verändert sich immer wieder von Situation zu Situation. Treffen zwei Gesprächspartner aufeinander, so tauschen sie über Sprache und mit Hilfe von Gestik bzw. Mimik Absichten, Wünsche und Bedürfnisse aus. Dies geschieht über die so genannte „Umgangssprache“. Diese Umgangssprache muss im Wesentlichen drei Funktionen erfüllen, um das Entstehen von Identität möglich zu machen:
- Die Sprache muss in der Lage sein, die besonderen Erwartungen, die mehrere Interaktionspartner in einer speziellen Situation haben, dem gegenüber zu übersetzen.
- Die Sprache muss über einen differenzierten begrifflichen Apparat verfügen, um Problemlösungen zu finden.
- Die Sprache muss Überschussinformationen weitergeben können, wobei als überschüssig bezeichnet wird, was die besondere Einstellung zum Inhalt der Mitteilung kennzeichnet, denn erst darin wird die Bedeutung einer Aussage für den Interkommunikationszusammenhang sichtbar.
Als Synonyme zu Entwurzelung gelten Exil, Verbannung und Ausweisung, aber auch Freiheit und Unabhängigkeit. Als Antonyme oder auch als die Gegenseite zur Entwurzelung finden sich die Beispiele Verwurzelung und Ankommen aber auch Feststecken, Gefangenschaft, Sklaverei. Diese Gegenteile lassen sich als Last, Schattenseite oder negative Persönlichkeitseigenschaft begreifen. Sie können kultiviert, um überwunden zu werden. Eigenschaften, die im Alphabet vor oder nach der Entwurzelung stehen sind: Entsetzlichkeit, Enttäuschung, Erbärmlichkeit, Erbarmungslosigkeit. Darin sollten wir uns besser nicht verfangen. Bewegung bleibt erstrebenswert. Begegnung ist willkommen.