Flüchtig

20160421_232756-1[1]Hatte ich mich geäußert zum Thema Flucht? Würde ich dazu etwas zu sagen wissen? Sollte man dazu überhaupt noch etwas sagen? Vielleicht zum Thema Fluchtursachen bekämpfen. Statt zu meinen, Flüchtlingsströme  mit Zäunen und Wällen zu begegnen. Den Strom im Mittelmeer versinken lassen. Die Schlepper bekämpfen. Was lässt den Menschen denn fliehen? Ist es vielleicht die Armut? Der Mangel? Der unerfüllte Wunsch? Die Angst vor irgendwelchen Mächten und vor Unterdrückung? Was will ich dann bekämpfen? Die Unterdrücker, die Mächtigen, die Ängste? Oder geht es darum die Armut zu bekämpfen? Und ist das nicht, was die Entwicklungshilfe, als was wir unsere internationale Zusammenarbeit lange Zeit bezeichnet haben, seit über einem halben Jahrhundert immer anstrebte. Ist unser Bemühen erfolglos geblieben? Haben wir das Übel falsch angepackt? War es überhaupt jemals zu erwarten, dass unsere Hilfe einen Beitrag zur Reduzierung von Armut hätte leisten können? Oder mangelt es uns an Geduld? Sind wir ineffizient und verschleudern unsere Ressourcen?

Den Berichten der Weltbank und den Vereinten Nationen zufolge soll sich die Armut verringert haben. Es streiten sich lediglich die Statistiker und Wissenschaftler darüber, in welchem Maße und an welchem Ort und anhand welcher Messung  und an der Aussagekraft eines Indikators, wie dem des Tageseinkommens von 1,25 Dollar pro Person. Sind es heute prozentual weltweit weniger als vor 20 Jahren, die unter ein festgelegtes Minimum von Tageseinkommen fallen oder sind es heute absolut mehr Menschen, die unterernährt, fehlernährt, bildungsfern und sozial minder integriert als noch vor 20 Jahren sind? Das ist eine Frage der wissenschaftlichen Betrachtung und ab einem gewissen Punkt auch der persönlichen Meinung, denn es herrschen unterschiedliche Einsichten und Ansichten zur Frage der Armutsgrenze. Es wird auch differenziert zwischen relativ Armen in einem Industrieland und der absoluten Armut in ländlichen Regionen südlich der Sahara. Was heißt denn Armut für einen Menschen, der vor Krieg geflüchtet ist und sein Hab und Gut zurückgelassen hat. Was heißt denn Armut für einen Menschen, der mit seiner Habe in einem einzigen Koffer am Flughafen Frankfurt landet und von einem neuen Leben träumt? Oder einfach nur davon, alles Frühere abzustoßen und hinter sich zu lassen. Wie arm muss man sein, um zu fliehen?

Tatsache ist, dass noch nie so viele Menschen sich gleichzeitig auf den Weg gemacht haben und unterwegs waren wie heute, mögen sie auf der Flucht vor etwas sein oder von sonst irgendwelchen Erwartungen getrieben, jedenfalls weg von einem vertrauten Ort, um in einer neuen, unbekannten Umgebung besser zu leben. Die Bewegungsfreiheit sollte  nicht nur ein Menschenrecht sein, sondern als eine Voraussetzung für ökonomisch rationales Handeln begriffen werden. Unsere liberale, marktwirtschaftlich geprägte Gesellschaft darf sich doch gar nicht gegen eine freie Bewegung des Produktionsfaktors Arbeit aussprechen. Wenn Waren sich frei bewegen können, wieso ziehen wir dann Grenzen hoch zwischen Menschen? In der Geschichte der Menschheit war die Reisefreiheit noch nie so beschränkt wie heute, wo Nationalstaaten ihre Bürger mit Pässen beglücken und Visaregelungen je nach Herkunftsland mehr und weniger zur Durchlässigkeit oder Diskriminierung führen. Warum lassen wir das mit uns machen? Oder machen wir es, weil wir unseren Wohlstand nicht anders in der Lage sind zu schützen? Woher kommt denn unsere Kleidung? Woher kommen denn unsere Fruchtsäfte und Rohstoffe, unsere Gewürze und Heilpflanzen?  Wo machen wir denn unsere Urlaube und verkaufen unsere Waren und Dienstleistungen? Was machen wir denn mit dem Rest der Welt, während wir weiter die Atmosphäre durch unseren bloßen Konsum mit  CO² belasten und den Armen keine Teilhabe gönnen? Wüsten breiten sich aus und Gletscher schmelzen.

Armut bekämpfen heißt teilen lernen, Raum gewähren, Handlungsmöglichkeiten zulassen und Freiräume schaffen. Darum muss es uns doch gehen. Stattdessen schüren wir Ängste und grenzen uns ab gegenüber dem Fremden, verbreiten Halbwahrheiten über uns fremde Kulturen und so wahrgenommene hier nicht zulässige Gewohnheiten.  Lasst uns stattdessen doch träumen von einer Welt der Vielfalt, einer Welt der Teilhabe am Wohlstand, einer Gemeinschaft, in der mehr Menschen glücklich werden können und einen Ort finden, wo es sich lohnt zu leben. Lasst uns nicht unseren Frieden riskieren dadurch, dass wir Hass zulassen und Widerstand produzieren. Das Gift, das wir heute versprühen, wird uns morgen treffen. Und dann werden wir fliehen. Besser schaffen wir Räume der Begegnung und heißen das Fremde willkommen. Armut soll hier nicht herrschen und darum  auch keine Unterdrückung und keine Vertreibung. Wir sollten doch wissen wie das gehen kann und nicht indem wir die Geflohenen zurückschicken oder verhungern lassen an den Grenzen unserer Wohlstandsburgen. Damit würden es nur immer mehr werden, die vor Armut fliehen.

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