Demut

Wahre Demut drückt sich aus in Schweigen. Und im Schweigen bleibe ich befangen. Der Mut reicht nicht aus, um die Demut in Worten zu fassen. Und doch: Was ist ein Wort, wenn es fällt oder steht, ohne Grund und nackt sich dreht und windet aber unbegründet wirkt. Fordernd verhält sich Demut, tugendhaft und anspruchsvoll, kein Spass zum Feierabend sondern lange Geschichte bis tief hinein in das Dunkel alter Schriften. Welch ein Vertrauen und welch einen Respekt hatte doch Hiob vor seinem Herrn! Was für eine Demut.

Und doch soll es einen Anlass gegeben haben. Ich wurde veranlasst das Wort zu gebrauchen. Ganz unabhängig von Hiob und dem alten Testament. Mein Blick richtete sich, auf die Gegenwart und erlaubte sich einen Ausblick auf die Zukunft.  Und ob es euch gefällt oder nicht, die Demut überkam mich im Anblick der Götter des Kapitalismus, die das Wachstum als das höchste Gut erachten wovon Gerechtigkeit, Freiheit und das Glück abhängen würden. Milliardäre mit Visionen geben der Raumfahrt einen Schub. Galaktische Geschäfte, Elon Musk, Jeff Bezos, bloß nicht am Elend dieser Welt verzweifeln. Es wird gut im All. Es ist Hoffnung. Und so wandelte mein Geist von Wunder und Bewunderung über Vision und Macht und bloß kein Neid zu Demut. Demut vor der Übermacht, der schieren Größe, der Galaxis, vor den gewaltigen Geschäften und den technischen Unvermeidlichkeiten. Dieses Wissen, diese Erkenntnis, diese Selbstverständlichkeit und Aktion. Geordnete Geschäfte, phantasievolles Denken, zeitgenössische Utopien des Patriarchats, Zusammenfügung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, durch Gott verfügt und ausgeführt durch seine Kinder.

Die Wege des Herrn sind unergründlich. Was grundlos ist kennt keine Begründung. Ohne Grund. Tiefgründig. Warum leiden die Gerechten? Ist gerecht wer leidet? Die Weisheit ist Gottes und die Erkenntnis für uns Menschen unerforschlich. Wo grenzt Bewunderung an Demut? Was ist wahre Demut und welcher Richter entscheidet was die falsche ist? „Wenn ich etwas sehe, wo andere dran vorbei laufen, ohne es zu sehen oder gleich wieder vergessen, sitzt das wie ein Stachel in meinem Kopf und ich fühle mich mit mir selber nicht mehr im Reinen“ (T. Gärtner im TAZ-Interview). Hat sich Gott bei mir gemeldet? Wurde ich gerufen? Muss ich handeln und streiten für das Recht und in Demut vor der Sache? Gibt es einen Auftrag? Auf wessen Seite stehe ich und warum?

„Die Demut ist ohne Sorge. Sie ist still, gelassen und heiter, denn sie ist erfüllt. Und sie ist weise, weil sie um ihre Grenzen weiß. Doch innerhalb dieser Grenzen freut sie sich an der Welt und ihrer Fülle und an allem, was sie ihr schenkt“ (Bert Hellinger, Wahrheit in Bewegung).  Vom Schulabbrecher zum Profifußballer, vom Gründer zum Millionenunternehmer. Die erste Tugend für den Unternehmenserfolg: Demut. Wer sich demütig gibt muß nicht demütig sein. Die unechte Tugend ist Kriechertum, Selbsterniedrigung gegenüber anderen Menschen. Dualismus: Herr und Knecht – setzt die Unterwürfigkeit voraus. Oder kommt Demut mit Glauben, rein sein mit Gott?  Furchtlos und frei im Angesicht der Wunder und der Größe von Gaia, dem lebenden Organismus und fein austarierten System von Biosphäre und Umwelt, in dem Homo lebt, ob er sich dessen bewußt ist oder nicht.

Wer mit Arroganz und Selbstüberschätzung durchs Leben geht, wird nicht weit damit kommen. Darum sorge dich um deine Umwelt aber lebe nicht in der Annahme du könntest sie retten. Achte auf dich und vergib dir und den anderen. Sei bescheiden und verzichte, lieber einmal mehr als selten oder nie. Und mach dich nicht zum Maß aller Dinge, praktiziere stattdessen Bescheidenheit. Die Schöpfung bedarf deiner Zustimmung nicht, sie ist dir in ihrer Größe gegeben. Du bist nur ein kleines Teil von ihr und doch einzigartig. Darum ergib dich nicht sondern wirke, unter Gebrauch deiner Möglichkeiten. Aber übertreibe nicht. Denn Respekt beginnt bei dir selbst. Also achte auf dich und pflege deinen Garten.

Schätze deine Mitmenschen. Ohne Verblendung. Nicht irregeführt durch ein paar Lichtgestalten und Prediger. Die Unerhörten, die Vielen, darunter Kranke und Arme, Frauen und Kinder, Geschlagene und Vertriebene, Nichtwissende und Ratsuchende. Träumende und Hoffende. Liebende und Friedvolle. Wahre Demut schweigt und lässt sich hinab auf die Knie, leidet mit den Obdachlosen und den Hungernden. Was heißt hier Demut sei die Tugend, die Führungskräfte am meißten bräuchten? Diese Helden, die sich Manager nennen, denen Selbstrelativierung zutiefst fremd ist, sollen führen. Dabei hieße Führung nichts anderes als bereit sein zu dienen habe ich gehört. Wem denn dienen? Den Untergebenen? Wer gestattet sich denn einen Diener? „Wenn Demut und Bescheidenheit Erfolgsfaktoren für Führung sind, warum sind dann so viele Führungskräfte so arrogant?“, fragt Management-Autor Bill Taylor. Weil Demut negativ besetzt ist. Wer nicht gewinnt, verliert. Und verlieren ist kein Ziel der Führung – oder?

Am nächsten wähne ich mich der Demut beim Gärtnern. Wenn es mir vergönnt ist innezuhalten und es mir gelingt, mich der Schnelllebigkeit von Online-Welt und  Supermarkt für ein paar Stunden zu entziehen. Zurück kehren Gedanken an die Auswirkungen meines Handelns, meiner Bedürfnisbefriedigung und meiner Bedenkenlosigkeit. Wie mein Flug einen Beitrag zu den globalen CO² Emissionen leistet, mein Einkauf Warenströme auslöst und mein Freizeitverhalten Ressourcenverbrauch bedingt. Verbundenheit mit der Natur beginnt nicht auf dem Mount Everest, sondern unmittelbar vor der eigenen Tür. Der erste Schritt hinaus ohne Begleitgepäck und Überlebenskit, der Regenwurm und die Gewitterfliege atmen Luft mit mir und teilen den Lebensraum. Hab Acht – wir konkurieren und machen uns diesen Luftraum streitig. Wer überlebt? Wer lacht zuletzt?  Was ist mein Vorteil? Was interessiert mich der Schaden, den mein Handeln mit sich bringt? Was hat mein Plastikverbrauch mit dem Müll in den Meeren zu tun? Was geht mich der Regenwald an? Ich denke, also bin ich. Und für den Sonnenschein bin ich dankbar. Wenn es wärmer wird muss ich weniger heizen. Wie einfach kann das Leben sein? Wieviel Demut ist gut? Und für wen?

So will ich mir vergeben. Denn meine Macht ist beschränkt und ich überschaue nicht die ganze Schöpfung. Vielleicht ist die Welt doch vielmehr geistiger als materieller Natur oder, um es einmal drastischer auszudrücken: Die Welt ist eine Kopfgeburt, das Universum ein großartiger Gedanke. Implizit angenommen, sämtliche Dinge wären bereits gegeben, gibt es in der Natur keine zufälligen Ereignisse. Explizit geschieht nichts, was nicht implizit ein Abbild dieser Ordnung von Organismen und Atomen, Quarks und Galaxien in der beobachtbaren und erfahrbaren Welt gegenübersteht. So mögen wir stolz darauf sein, erstmals in der Geschichte die Gleichheit aller Menschen postulieren zu dürfen sind aber vielleicht gerade im Begriff, die ungleichste aller möglichen Gesellschaften zu schaffen. Es wäre naiv zu glauben, wir könnten auf die Bremse treten und den wissenschaftlichen Upgrade des Homo sapiens stoppen.

Und so nähern wir uns dem Ende der Geschichte. Der Anfang vom Ende des Menschseins. Als Angehörige einer der immerwährenden und doch stets auch letzten Generationen eines Stammes, einer Familie, einer Gattung oder einer Art stellen wir uns immerfort die Frage: Was sollen wir werden? In Demut vor den Alten, vor den Müttern, unseren Vorfahren und unseren Kindes-Kindern, vor der Natur und vor dem Universum. Wollen wir als Politiker oder als Gelehrte, als Elektriker oder Verkehrspolizistin, als Altenbetreuerin oder Programiererin unseren Beitrag zum Fortgang der Geschichte leisten? Baue ich Autos oder erziehe ich Gymnasiasten? Und wenn unsere Nachfahren tatsächlich ein anderes Bewußtsein haben werden, was interessieren uns dann heute noch Ideologien, Nationen, Religionen und Klassen?

Sich gänzlich zurückhalten und in der Bescheidenheit aufgehen. Vervollkommnung der Askese, schwäbische Sparsamkeit oder geiler Geiz. Nimm dich selbst nicht so wichtig. Und wenn du etwas gut kannst, dann lasse andere teilhaben daran, aber stelle es nicht direkt zur Schau. Überrasche mit deinen Talenten durch Freude zu schenken. Bilde dir nichts ein. Es geht nicht um Gurus und nicht um Wahrheit, gute Fragen dagegen bereiten den Raum dafür, dass Neues entstehen kann. Gibt Acht, erhöhe deine Aufmerksamkeit und Wirke mächtig, wenn der Augenblick es erlaubt. In Demut.

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