Doktrin

Die rechte Lehre. Ein Anspruch von Wahrheit. Postulate der praktischen Vernunft sind eine für moralisches Handeln subjektiv notwendige Annahme, objektiv notwendige und wahre Sätze, die als Konstrukte der Einbildungskraft erkannt werden. Überzeugung? Anschauung. Konstrukt. Charles Sanders Peirce zählt zu den maßgeblichen Denkern, die den Pragmatismus geprägt haben. Politik oder Religion? Wissenschaft oder Disziplin? Orientierung oder Hoffnungsschimmer? Von Menschen ohne Wohnung zu fordern, ihre Daten mit jedem Wildfremden, der gerade vorbeiläuft, zu teilen, stärkt nur die Unterdrückungsmechanismen, unter denen Obdachlose ohnehin leiden. Auf der Straße Geld zu sammeln ist wie Crowdfunding, und bei seriösem Crowdfunding ist Transparenz entscheidend. Machtfantasien von wohlmeinenden Wohlhabenden. Zurück zu Kant: Das Gute ist dem Hang zum Bösen ausgesetzt. Christus dient als Sinnbild eines moralisch vollkommenen Menschen. Die Kirche wird als „ethisches Gemeinwesen“ verstanden. Und wer im Hambacher Forst für den Erhalt des Waldes und den Stopp des Kohleabbaus kämpft verkörpert das Gute. Ganz unabhängig davon ob sich UP22, die junge Frau, die auch als „Winter“ bekannt geworden ist, es so wollte oder nicht, sie ist das Opfer. Während woanders das Leben weiter geht und am Wochenende Spaziergängerinnen den Hambi bespaßen, frage ich mich, wo diese Überzeugung herkommen kann, diese Gewissheit, auf der Seite der Wahrheit zu stehen. Alles aufgeben zu können, Widerstand zu leisten, Wind und Wetter zu trotzen, um dann als Nummer irgendwo in der Geschichte zu erlöschen. Derweil die Kerngruppe des Protests, jung, gut ausgebildet und doch mit abgedunkeltem Zukunftsprospekt, viel Geld in Bildung investiert und feststellt, dass sie in Praktikumsschleifen hängen. Sie werden sich in den kommenden Jahren keine Wohnung in einer Metropole leisten können. Für eine Gesellschaft, die sich aufgeklärt wähnt, ist es sehr bedenklich, wenn sie jede Art von revolutionärem Umschwung für ausgeschlossen und undenkbar hält. Der globale Kapitalismus ist wandlungsfähig und schafft extremen Reichtum und extreme Armut. Die kommenden Aufstände werden spontan und unvorhersehbar entstehen.

Die Eisenhower-Doktrin ist eine in 1957 von einem amerikanischen Präsidenten erlassene Ermächtigung. Sie besagte, die USA würden überall und mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln, prowestliche Regimes vor kommunistischer Unterwanderung oder einer Bedrohung durch die Sowjetunion schützen. Notfalls auch mit der Sprengkraft des Atoms. Was soll das? Doktrin kommt von Lehre und soll ein System von Ansichten und Aussagen darstellen, die einen Anspruch auf allgemeine Gültigkeit besitzen. Stattdessen kommt diese Doktrin der Kriegserklärung nahe. Haben wir es damit nicht viel eher mit Indoktrination zu tun? Mit Herrschaft und Autorität, mit Belehrung und Propaganda. Vermeintliche Lehren, die uns in Bahnen halten. Mächtige Apparate, die uns davon abhalten, offen Fragen zu stellen. Eine Person, die das „System“ kritisiert, muss logischerweise eine Untergangsgeschichte erzählen. Doch wer meint, unsere Demokratie sei nur noch eine Scheinveranstaltung, behauptet, sie sei früher echter und besser gewesen. Das lasse ich aber nicht gelten. Denn die Zeiten werden besser. Wir leben im besten Deutschland aller Zeiten. Und nicht nur im nordatlantischen Raum, sondern überall entwickeln sich die Dinge zum Besseren: Die Gewalt nimmt ab, die Alphabetisierung nimmt zu und sogar die Teilhabe der Frauen am öffentlichen Geschehen ist im Aufwärtstrend begriffen. Oder müssen wir an die Apartheid in Südafrika und den USA erinnern, an den Nationalsozialismus und die Rote Khmer, an Sklavenhandel und Absolutismus? Jede, die in Deutschland geboren ist, hat allein durch diesen Zufall das Glück, Zugang zu einem Wohlstand zu haben, der großen Teilen der Welt verwehrt bleiben wird. Dieser Unterschied zwischen Ungleichheit „innerhalb eines Landes“ und „zwischen verschiedenen Ländern“ muss auch in Deutschland Thema werden. Gerade in einer Welt mit begrenzten Ressourcen ist die Absurdität der unbegrenzten Akkumulation zugunsten weniger, besonders für diejenigen offensichtlich, deren Geld nicht bis zum Monatsende reicht. Die Kerngruppe der urbanen Revolten, die jungen Gutausgebildeten, sind hierzulande nicht so verzweifelt wie in London oder Chicago. Sie werden zwischen Hamburg und München eher Geld für eine Eigentumswohnung sparen als gegen Wohnungsspekulantinnen auf die Straße zu gehen oder rabiat zu protestieren. Das Gros des akademischen Nachwuchses in den Metropolen sucht sein Glück in Familie und Beruf, weil die Welt keine fundamentalen Alternativen zu bieten hat.

Wer glaubt wird selig. Nicht eine bekannte Regel steht am Anfang, sondern ein überraschendes Ereignis, etwas, was ernsthaften Zweifel an der Richtigkeit eigener Vorstellungen aufkommen lässt. Beharrlichkeit beweisen diejenigen, die einer Überzeugung anhängen und nur selektiv die äußere Welt wahrnehmen. Der drohende Kollaps, die Flut von Flüchtlingen, die große Verschwörung. Facebook und Stammtische fördern solcherlei Wahrheitsblasen. Gut sind diejenigen, die genauso denken und das Konstrukt nicht in Zweifel ziehen.  Widerspruch ist lästig bis ärgerlich. Eine Auseinandersetzung ist nicht gewünscht. Kritik ist bedrohlich. Beharrlichkeit und Orientierung auf der Grundlage von Autorität stehen für ein niedriges intellektuelles Niveau, denn sie erschöpfen sich im Impuls des Glaubens. Überzeugungen werden angeordnet oder verschrieben, von einem selbst, einem Apostel, einem Arzt, der Kirche oder dem Staat.

Anders entstehen Überzeugungen im Prozess des Denkens und der Analyse. Experten vertiefen sich in die Materie, untersuchen, deduzieren, inkludieren und produzieren Ergebnisse. Sie beobachten und schließen und bewundern das neu Geschaffene oder Entstandene. Aus der Harmonie allgemeingültiger Regeln der Natur, den Gesetzmäßigkeiten des Universums und den gewonnenen und verifizierten Erkenntnissen entspringt der Glaube an die Wahrheit. Die Gewissheit beruht auf einer nachgewiesenen Beachtung und Einhaltung aller vereinbarten Regeln. Peirce meint dazu, es wäre der Schein der Objektivität bewahrt. Klimawandel menschgemacht. Feinstaubbelastung gesundheitsschädlich.

Weder Denken noch Glauben reichen aus, um eine Überzeugung auf ein nachhaltiges Fundament zu bauen. Das Denken führt uns in die Verirrung, der Glaube richtet Unheil an und beschert uns Krieg. Die anders Denkenden und Glaubensbrüder werden sich mit den Schwestern nicht auf eine friedvolle und harmonische Koexistenz verständigen können. Darum sollte uns der Pragmatismus leiten. Und zwar kein auf dem bloßen Nutzen einer Handlung beruhenden Pragmatismus, sondern einem von den praktischen Konsequenzen aus gedachten Handeln und Verhalten. Vom Ziel her gedacht. Von einer Doktrin ausgehend. Von der Wahrheit beseelt. Und somit auch die Wirkung im Fokus. Überzeugung ist nie beständig, darf in Frage gestellt werden und erlaubt Konfrontation. Letztendlich geht es aber um das gemeinsame Überleben, um den öffentlichen Diskurs, ohne vorgefasste Meinung. Darum bedingen sich Pragmatismus und Partizipation. Die Freiheit erwächst aus der Ko-Konstruktion. Als Pragmatisten lehnen wir unveränderliche Prinzipien ab. In Situationen von Zweifel und Unzufriedenheit, können wir ihn aufheben, indem wir uns für die Ansicht entscheiden, die Tatsache ist und deshalb gegen jeden Zweifel beständig. Bleibt nur noch zu klären, wer den Maßstab bestimmt und wie wir zur Reproduktion schreiten. Die Deutschen betrifft der wissenschaftlich nachweisbar menschlicher Aktivität zugeschriebene Klimawandel doch nur unwesentlich. Der überwiegende Teil der Bevölkerung verbleibt im Fun-Modus: Baden, Biergarten und dann doch lieber ein richtiger Sommer.

Die Ausschreitungen waren viel kleiner als uns die Medien suggerieren. Die Lobbyisten viel mächtiger als politische Akteure es wahrheben wollen. Für vieles, was neu entsteht, gibt es einen günstigen Zeitpunkt, man muss ihn nutzen, sonst ist die Gelegenheit verloren – Kairos nennt man das. Verbunden mit der Hoffnung, dass viele kleine Projekte in ihrer Fülle und Diversität zur Entwicklung einer besseren Gesellschaft zusammen finden. Dafür stand Tunix und steht das Bunte, die Vielfalt, das Offene – radikal infrage gestellt durch das kulturkämpferische der neuen Rechten, gesellschaftspolitisch von den konservativen Clustern und einer vielfliegenden, miles-sparenden, bonuspunktesammelnden Konsumgesellschaft. Mit krummen Möhren, Kartoffeln und Steckrüben aus der solidarischen Landwirtschaft setzten wir der Currywurst und Coca-Cola etwas entgegen. Soziale Gerechtigkeit und Klimaschutz gehören zusammen. Wie ist es weiterhin zu rechtfertigen, das dem Flugzeug – das schmutzigste Transportmittel überhaupt – durch die Mehrwertsteuerfreiheit für Kerosin ein Wettbewerbsvorteil eingeräumt wird? Warum wird der Im-und Export von industriell hergestellten Lebensmitteln weiterhin gefördert, anstatt regionalen Produkten und dem Übergang zur biologischen Landwirtschaft den Vorzug zu geben?

Gleiches Recht für alle, sich selbst zu verwirklichen. Die freiheitlichen Grundrechte nicht in Frage stellen. Aber, es geht um den öffentlichen Raum, und der ist nur sehr eingeschränkt verfügbar. Bei der gegenwärtigen Verteilung bekommt man den Eindruck als gehöre ein paar wenigen Reichen der Großteil unserer Erde inklusive der Luft zum Atmen, den Meeren zum Tauchen und den Wäldern zum Ruhen. Aber, kantisch gedacht, endet die Freiheit des einen an der Freiheit des anderen. Ressourcenverbrauch, weltweit verbaute Strände, wahrscheinlich 8 Prozent aller Treibhausgase entstanden durch Reisen, damit stößt das Freiheits- und Demokratisierungsargument schnell an seine Grenzen. Es wird Zeit einzuschreiten, von der Wirkung her zu denken. Ganz pragmatisch eine neue Doktrin zu postulieren: Ein Ende der Beeinflussung der Politik durch die Macht großer Konzerne. Umverteilung der Erträge aus erfolgreichem Wirtschaften, aus Spekulation, aus Erbschaften. Enteignung war stets ein wirkungsvolles Mittel, um einen Neustart zu ermöglichen. Enteignung kann ganz friedlich erfolgen, wenn sich Mehrheiten finden. Die Mehrheiten sind schon heute da und warten vielleicht nur darauf eine gemeinsame Sprache zu finden. Wie lange werden wir noch zuschauen dürfen? Oder wird uns ein Sturm erfassen und uns hinwegfegen? Sind wir bereit für Veränderung? Können wir umgehen mit Überraschungen?

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