Weihnachtsgrüße

liebe Nina,

hier sitze ich jetzt und es ist noch nicht ganz hell draußen. An meinem Schreibtisch voller Zeitungsaus- und Linolschnitten, einem kratzigen Hals und die Kaffeemaschine blubbert in der Küche so vor sich hin. Gestern habe ich meinen Abwesenheitsassistenten aktiviert und das Büro in der Friedrich-Ebert-Allee sauber aufgeräumt hinterlassen, nachdem ich die Mailbox geleert die One-Note Notizbücher geordnet, die DMS-Ablage aktualisiert und die diversen Foren nach unbeantworteten Nachrichten durchforstet hatte, hier und da noch eine Chat-Nachricht hinterlassend. Gute zwei Wochen am Stück werde ich nun keine Dienstmails mehr anschauen.

Natürlich wollte ich in diesem Jahr auf die Weihnachtsbäckerei verzichten und keinen Rundbrief schreiben. Stattdessen hat es nicht nur das, sondern wird es wohl auch noch einen Weihnachtsbaum geben. Und selbstverständlich beschenken wir uns gegenseitig weiterhin. Wir fragen uns, was wer sich wünscht und schreiben Wunschlisten. Dabei fällt sogar mir ab und an etwas ein, doch eigentlich ist mir schon lange klar, dass ich es mir, wenn ich etwas haben möchte, kaufe bzw. besorge oder mache. Wozu also die Wunschliste? Eigentlich ist doch klar, dass ich von allem sowieso schon zu viel habe. Die 136m², die wir hier zu dritt bewohnen, sind voll und vieles haben wir nicht nur einmal, sondern gleich als Vielfaches vorrätig. Denken wir mal an Buntstifte, Wassermalfarben, Scheren, Bleistiftspitzer und Radiergummis.

Bücher und CDs sind das Einzige, wovon ich wahrscheinlich nicht genug haben könnte – sofern es der Platz zuließe. Und wie sieht das bei euch aus? Habt ihr den Dachboden vollstehen oder den Keller? Habt ihr schon eine weitere Immobilie dazu gekauft, ein Wochenendhaus oder so? Oder ein Campingmobil mit Gartenstühlen und Sonnenverdeck, das mobile Heim, die Heimat auf Rädern, die Miniaturküche für das Freizeit- und Spielvergnügen, den Gartengrill und den selbstfahrenden Rasenmäher? Es gibt so tolle Dinge! Statt Leuchtmittel, früher nannten wir es Glühbirnen, kaufen wir heute ganze Leuchten, die, wenn die LED Lampe nicht mehr funktioniert, entsorgt werden müssen. Energiesparen nennt sich das, weil das Leuchtmittel selbst nur wenige Watt verbraucht. Licht ohne Abwärme. Mal abgesehen davon, dass die Lampe nicht wirklich viel Licht macht. Rohstoff für die Recycling-Industrie. Ein riesengroßes Perpetuum Mobile. Oder ein Hamsterrad in dem wir bisweilen durchdrehen. (Vergleich Margarete Moulin „Mut und Feigheit vor dem Freund“).

Und weil wir dieses Jahr einen Weihnachtsbaum haben, brauchen wir auch einen Weihnachtsbaumständer. Jeder normale Haushalt in Deutschland besitzt nun mal einen Weihnachtsbaumständer. Aber wir nicht. Auch im nachbarschaftlichen Verleihschrank ist keiner zu finden. Klar – Weihnachtsbaumständer braucht man halt nur einmal im Jahr. Und da brauchen ihn alle gleichzeitig. Vor ein paar Jahren werden wir unseren Weihnachtsbaumständer wohl mal entsorgt haben in der Vorstellung, dass wir so etwas nicht mehr brauchen würden. Tja, so kann man sich irren.

Es war ein gutes Jahr! Trotz Fridays4Future, Extinction Rebellion und Ende Gelände, trotz Brexit und Trump, AFD, Hetze auf Minderheiten, trotz Klimawandel und Migrationsbewegungen, trotz Flugscham und Autokratie. Es mag verwundern, aber ich mache meine Arbeit gern und aus Überzeugung. Worum geht es mir dabei: Menschen zu motivieren, etwas beizutragen zum Allgemeinwohl, als politisch mündige Bürger*innen, organisiert in lokal agierenden Gruppen, oder als Mitarbeitende in Unternehmen, in der Gestaltung der Rahmenbedingungen, der Legislative oder in der Politik, der Exekutive, als Freiwillige in Auffangzentren oder bei der Obdachlosenhilfe, in der Altenpflege oder im Krankenhaus. Alleine ein aufgeklärtes und politisch korrektes Narrativ, eine christliche oder sonst wie religiös motivierte Gesinnung mag dabei helfen, ersetzt aber nicht das Handeln. Nur im Geiste und auf den eigenen Seelenfrieden bedacht, mit reinem Gewissen und ohne Zweifel an sich, nehme ich stets als Selbstgefälligkeit wahr. In dem Ausmaß überzeugt von der eigenen Haltung und über jeden Zweifel erhaben, stößt mich ab. Das fühlt sich autoritär an und läuft immer Gefahr zum Extremismus, sei es faschistischer, rassistischer, öko-sozialistischer oder nationalistischer Couleur abzudriften. Das mag auch der Grund sein, warum mich die Dialektik der Klimabewegung bisweilen abschreckt. Umweltschützer bin ich nämlich schon immer gewesen. Und dass wir zu viel von allem haben und wollen und verbrauchen, das habe ich schon immer verstanden und auch behauptet. Ich glaube auch nicht an Kompensationsleistungen aber daran, dass gar nicht fliegen besser ist als kompensieren. Aber mit dem Weltuntergangsszenario zu drohen und sich auf die Autorität der wissenschaftlichen Erkenntnis zu berufen, das ist heute so wirksam, weil die mediale Welt uns einen effektiven Resonanzraum bietet.

Ich kann dazu nur sagen: Achtung! Lass dich nicht hetzen und nicht jagen! In einer Zeit der Transformation (habt ihr schon mal etwas von VUCA gehört?). Schau die dich treibenden immer erst gut an. Wer sind die Hunde? Wo sind die Schäfer? Und für wen arbeiten sie? Wem gehören Grund und Boden? Und warum haben wir uns bis heute bereitwillig eingelassen auf das Spiel, das wir als Konsumismus oder real existierenden Kapitalismus bezeichnen? Wir wollen immer älter werden und es soll uns gut gehen. Wir wollen unseren Urlaub in der Sonne verbringen und immer schnell zur Stelle sein können, wenn unsere Eltern und Kinder, unsere Freunde und Geliebten unserer Hilfe bedürfen. Wir wünschen uns effiziente Kommunikationskanäle und eine intakte Infrastruktur, maximale Mobilität und das alles zu günstigen Preisen, damit alle etwas davon haben und nicht nur die Reichen. Auch ein interessanter Aspekt, der mir seit einiger Zeit auffällt: Die „Reichen“ sind immer die anderen. Immer ist da noch wer, der reicher ist. Und das macht den Niko Paech, Autor der Streitschrift „Befreiung vom Überfluss“ letztendlich so sympathisch. Unser Begriff von Wohlstand ist überholt. Unsere Suche gilt einer neuen Qualität. Und das erfordert ganz schön viel Wach- und Aufmerksamkeit.

Für das anstehende Jahr wünsche ich uns allen, dass wir uns aufmachen, es mit all seinen Möglichkeiten, die es für uns bereithält, zu erschließen. Es kommt mit Gewissheit und ist so form- und wandelbar, wie wir es uns vorzustellen bereit sind. Wir alle, im Rahmen der uns gesetzten Grenzen, sind ein Teil des Ganzen, der Zeitläufe und Gegebenheiten, der Wandlungen und Handlungen, die zu spalten oder zu verbinden imstande sind. Wertschätzung für andere Lebensentwürfe ist eine nötige Voraussetzung für ein gedeihliches Miteinander. Erfolgreiche Menschen, die sich daran erinnern, dass es Hilfsbedürftige gibt, gehen pfleglicher miteinander um. Mag sein, dass ich darum zu denen gehöre, die die Grenzen gerne weiter fassen und die Durchlässigkeit bereit sind zu erhöhen. Haltet euch bereit und lasst bei Gelegenheit mal von euch hören.

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