Zuversicht

Liebe Nina,

Ich tue mich sichtlich schwer mit der Überschrift. Seit zehn Tagen grübele ich und suche einen Zugang. Gestern – auf dem Ölberg– wurde mir bewußt, wie einfach es sein kann, sich dem Universum zu widmen oder der Trockenbauspachtelmasse, und wie ungleich viel schwieriger es ist, Zuversicht zu haben. Klimapolitik: fünf Milliarden Tote einkalkuliert, versucht mir wer zu erzählen. Ich weigere mich das zu akzeptieren. Warum sollte ich mich von einer solchen Vorstellung erfassen lassen? Warum DIE da walten lassen. Weil Buschbrände in Australien. Extinction Rebellion. Bill Gates warnt vor Donald Trump. 3,5 Millionen Tabak-Tote in China, Tendenz steigend. Furchtbare Nachrichten. Sieben-Stufen-Plan des Terrors: Islamisten prophezeien den totalen Krieg – oder prophezeit das Focus-online.

Die ersten zwanzig Jahre eines neuen Jahrhunderts haben wir überstanden. Wer hätte geglaubt, dass wir in 2020 so viel Grün sehen? Endlich! Wo im Sahel das Wasser knapp und die Konflikte krasser werden. Wo Sicherheit hoch und Besitztümer geheim gehalten werden. Wo die Städte neue Mobilitätskonzepte erdenken und Frauen in Führung gehen. Wo der Borkenkäfer immer mehr Schaden anrichtet aber die Biodiversität schwindet. Wo die Menschen immer älter und die Organe knapper werden. Auch wenn Luisa Neubauer und Joe Kaeser das Gespräch bereit sind zu führen. Das gibt meinem besonders weißen Freund und altem Mann Peter Unfried die Gelegenheit festzustellen „In welchen Arsch wir treten müssen„.  Nein, Zuversicht ist kein einfaches Thema.

Die Kraft des Optimismus oder die Hoffnung stirbt zuletzt. Positiv denken – klingt verführerisch, verdächtig. Rosarote Brille und Motivationstraining. Lebenshilfe oder Scharlatanerie – Hypnosystemik, Trance, Traumreise. Führungskompetenzen. Zuversicht ist eine unterschätze Eigenschaft, die nicht nur unsere Weltsicht verändert, sondern auch unsere Gesundheit und den Erfolg.  Wir sind auf einem guten Weg. Wir lernen. Es gibt Geld in Hülle und Fülle. Nur verteilt will es noch sein. Aber darum sorgt sich die Welt und der BitCoin. Digitalisierung machts möglich. Die TechAbleger und der Gründer von Immediate Edge Edwin James versprechen, alle Deutschen zu Millionären zu machen (und dann sass er auch schon im Knast). Mit Trickle Down sollten ja auch die auf Lesbos internierten Migrant*innen in naher Zukunft eine Pizza abbekommen. Die Hotelgäste übernehmen freundlicherweise die Verteilung der Waren. Touristen beweisen Haltung.

Die heiligen drei Könige aus dem Morgenland haben den Messias gefunden und ihm seine Aufwartung gemacht. Ihr braucht euch nicht mehr zu fürchten. Frohe Botschaft.  Nachhaltiger Kapitalismus macht sich breit. So breit, dass du den Fokus verlierst. Und damit steigen auch wieder die Aktien. Wir alle profitieren davon. Auch wenn nur eine kleine Gruppe sich zu den Besitzenden zählt. Lass uns auf das Zählen verzichten. Wir wollen nicht vergleichen. Wir können vergeben. Vergleiche werden immer nur von Neidern angestellt. Wir dagegen sind Akteure. Es übernimmt Kristalina Georiewa den Internationalen Währungsfond. Und sie weiß, dass technischer Fortschritt zum Auseinanderdriften der Gesellschaft führen kann, wie dies vor hundert Jahren der Fall war – den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts. Und die Folgen davon: Massenarmut, Wirtschaftskrisen, Kriege. Das gilt es in diesem Jahrhundert zu vermeiden. Prinzip Hoffnung. Verteilung des Wohlstandes. Frauen in die Führung. Ursula van der Leyen, Christine Lagarde, Kristalina Georiewa, Greta Thunberg, Luisa Neubauer und viele mehr, die noch hinzukommen sollen.

Ihre Fähigkeit, Harmonie zu produzieren scheint wirkungsvoll: Wie von Zauberhand sind die  Debatten verstummt, dass unbedingt endlich ein Kandidat der Entwicklungsländer den Währungsfonds leiten müsse, um ausgleichende Gerechtigkeit herzustellen oder die Armutsperspektive ins Führungsgremium zu bringen. Statt dessen bleibt die alte Arbeitsteilung in Kraft. IWF von einer Europäerin geführt. Die Weltbank von einem US-Amerikaner: David Malpasse, nachdem Ivanka Trump es doch nicht geworden ist. Positiv. Zuversicht. Wir haben die große Chance uns weiter entwickeln zu dürfen. Immer nach dem Konzept „weißer Mann“: Mein Lernen ist in jeder Zelle verortet. Mutig. Initiativ. Innovativ. Selbstbewußt. Durchtrainiert. Kein Schwabbelbauch. Ich nehme das Wagnis und die Herausforderung an. Meine Chance auf Teilhabe steigt mit der Eloquenz meiner Sprache aber auch mit dem Selbstvertrauen, das sich steigern lässt mit der richtigen Hautfarbe. Unter Rassist*innen überleben heißt das.

20.000 Geflüchtete sitzen in Griechenland fest. Sie kommen, um zu bleiben. Nicht wie die Touristen, die nur saisonal den Müll in die Kanäle spülen und sich das Frühstück aufs Hotelzimmer bringen lassen. Wir Zuwanderer wollen arbeiten. Suchen ein zuhause. Wir haben Skills, die sich von den euren vielleicht unterscheiden. Dafür müßten wir uns aber erst einmal anschauen. In die Augen blicken. Im Vertrauen. Auf Augenhöhe miteinander ins Gespräch kommen.

Meine Kreditkarten habe ich beim Transfer verloren. Ich lebe jetzt von der Hand in den Mund. Sorge mich um die Kinder, die ich nicht zum Stehlen verführen wollte. Aber zur Schule gehen sie nicht. Wo bleiben da ihre Chancen. Wir organisieren den Unterricht untereinander. Wir frieren. Es ist nass. Und andauernd kommen Neue an. Was hätten wir noch, um untereinander zu verteilen? In die Haut möchte ich nicht schlüpfen müssen. Die Geschichte kann ich nicht erzählen. Ich hätte noch eine Decke abzugeben.

Der Gegensatz ist das Leitmotiv des Jahrzehnts. Wie in den Bildern von George Grosz grell und voyeuristisch – die Krüppel, die Prostitution, das Elend, der Schlepper, die überhitzte Stimmung, das Fiebrige, der Tanz auf dem Vulkan. Das Kratzen an der Pforte, die Beißzange am Drahtzaun. Verlust der Heimat, des sozialen Zusammenhalts. Hinter sich die Ruinen. Zerschossene Mauern und verbrannte Böden. Vor sich die Hoffnung, die Zuversicht. Ein Ausblick auf Nahrung und Schutz, auf Teilhabe und Kaufhausfrieden, Shopping-Music, fließend Warmwasser und 24 Stunden Strom. Ich glaube an eine Kompensation, an eine zweite Chance, ein Grund für den es sich zu kämpfen lohnt. Morgen werde ich weiter reisen und mich dem Ziel nähern. Ich wage mich heran. Tauche auf und werde in Erscheinung treten. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Im vergangenen Jahrzehnt haben wir Unglaubliches geschafft. Für den Wandel gekämpft und Gesetze und Politik verändert. Es reicht aber nicht. Denn die Wahrheit ist viel wichtiger als Gesetze und politische Maßnahmen. Wut und Angst, Facebook und die Datenmärkte breiten sich aus. Mit den Märkten verändern wir uns – Spiegelneuronen am Werk. Der Kampf um die Seele der Menschheit. Zuversicht der acht Milliarden. Zukunft der Menschheit auf einem sich erhitzenden Planeten.

Der Glaube an die eigene Zukunft wirkt positiv auf den Körper und aktiviert die Selbstheilungskräfte: Die Immunabwehr von Optimisten funktioniert nachweislich besser, sie spüren Schmerzen weniger stark und erholen sich schneller von Operationen, was unter anderem Experimente mit Placebos und Nocebos belegen. Zwischen Hoffnung und Verzweiflung, Vertrauen und Misstrauen, Glaubwürdigkeit und Desinformation, Angst und Liebe, Zersplitterung und Einigkeit, Weisheit und dem, was nur weise erscheint. Und das passiert mit jedem Einzelnen von uns und der Menschheit insgesamt. Anteil des Ökostroms an dem Gesamtverbrauch nimmt zu. Energiebedarf insgesamt in Anbetracht der Digitalisierung exponential steigend. Die Aussichten? Festes Vertrauen auf eine positive Entwicklung in der Zukunft, auf die Erfüllung bestimmter Wünsche und Hoffnungen.

Nach Ausgeglichenheit streben
“Trigger” führen zu Wut und Angst in uns allen — sie rauben unser Bestes und bieten uns nur das Schlimmste. Wir alle regen uns gelegentlich auf und lassen uns reizen. Aber wenn wir erkennen, wann ein Trigger in uns wirkt, können wir ihn benennen. So können wir aufhören, andere zu beschuldigen und wie Trolle zu reagieren und stattdessen anfangen, aus Liebe und mit Weisheit zu handeln.

Auf die innere Stimme hören
Wenn wir nicht “triggern”, können wir uns in andere hineinversetzen und auch unsere leise innere Stimme wahrnehmen — und wenn wir auf diese innere Stimme hören, können wir unsere Gefühle, Gedanken und Intuition in Einklang bringen und dadurch weiser handeln.

Herzlich und stark sein
Freundlichkeit ohne Stärke macht uns zu Zuschauern. Stärke ohne Herzlichkeit kann grausam sein. Wir brauchen beides, Herzlichkeit und Stärke, “Yin” und “Yang”, um all das zu beschützen, was uns am Herzen liegt.

Schluss mit Gerüchten, suchen wir die Wahrheit
Gerüchte, Falschnachrichten, Verleumdungen und Desinformation, die ein klares Ziel verfolgen und es auf unsere Emotionen absehen, bringen das Schlimmste in uns und unserer Gesellschaft hervor. Menschen sind grundsätzlich anständige Wesen — doch wir begehen auch Übel, und die meisten geschehen aufgrund falscher und übertriebener Überzeugungen.

Nina, das war ein kompliziertes Unterfangen.

Zuversicht

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