Vergessen

Schnelles Vergessen schafft Platz. Löschen erhöht den Speicherplatz. Es erinnert an Papierkorbleeren. Wenn einem aber stets Wörter entfallen und sich Namen nicht erinnern lassen, dann wird das schon auch zur Behinderung. Und zwar schon lange bevor die Demenz einsetzt. Ob als Lernschwäche diagnostiziert oder dem Lerntypus zugeschrieben, ob verstärkt durch fehlende Anerkennung, falschen Ehrgeiz und schließlich in Mutlosigkeit zum Ausdruck gebracht. Vergessen kann lästig sein. Ohne große Mühe neues Wissen sehr schnell aufnehmen zu können ist stimulierend und erhöht die Motivation – ist aber nicht vielen gegeben. Dagegen all diejenigen, die Vokabeln immer wieder pauken müssen und die scheints nur unter erhöhtem Druck dazu gebracht werden können, sich an ihre Hausaufgaben zu setzen. Durch Rückzug ins Spiel und in die schnelle Befriedigung, einen gesteigerten Hang nach Genuss und cooler Action, Anschluss an Cliquen und Überspielung der Unsicherheit und Verzweiflung durch markige Sprüche und anderes diskriminierendes Gehabe erfolgt ein Versuch sich zu positionieren im Kampf ums Überleben.

Nie werde ich den Überfall vergessen. Wie die beiden Gestalten, der eine mit einer Kalaschnikow im Anschlag, der andere mit einem Brecheisen drohend, auf dem Treppenabsatz stehen und nach Geld fragen. Ich habe Geld. Auf meinem Zimmer. Aber sie lassen es mich nicht holen gehen. Sie wollen mitkommen. Im Zimmer sind meine Frau und meine Tochter. Alle im Schlafanzug. Verstört! So etwas sind wir nicht gewohnt. Zwei Männer durchwühlen unsere Sachen. Wann werden sie wieder gehen und was werden sie als nächstes machen? Sie sind dann gegangen. Sie haben das Haus verlassen. Sie haben genügend Geld gefunden und haben nochmal in die Luft geschossen bevor sie in der Nacht veschwanden. Ich habe auch nie vergessen, wie ich ein paar Tage danach dem einen, der die Kalaschnikow in der Hand gehalten hatte, auf der Polizeiwache gegenübersaß. Ich sollte ihn identifizieren. Ich auf einem Stuhl sitzend, er gefesselt auf dem Boden an der Wand kauernd vor mir. Wenig Bereitschaft zu reden. Keine Aussichten auf rücksichtsvolle Behandlung. Es war sein 25. Geburtstag. Das sagten seine Papiere. Er selbst hatte nicht wirklich mehr etwas zu sagen. Was aus ihm geworden ist werde ich wohl nie erfahren. Ich vermute er ist in der Wüste verdurstet. Es dauerte noch einige Wochen bis die Angst nachließ der andere der beiden käme nachts nochmal vorbei, in der Hoffnung es gäbe mehr Geld zu holen, oder um seinen Kameraden zu rächen. Solche Erlebnisse würde man gerne vergessen. Aber sie sitzen tief. Bei meiner Tochter hat es sehr lange gedauert bis sie nicht mehr vor Knallern und Böllern zusammenschreckte sich schutzsuchend irgendwo verkriechend.

Die Schuld neigt zum Vergessen. Wer sich nicht gut erinnern kann, der hat auch ein etwaiges Telefonat nie geführt oder eine Anweisung nie gegeben, hat mit etwas, was als illegitim oder fragwürdig erkannt werden könnte im Zweifelsfall nichts zu tun. Die Dokumentation ist nicht erfolgt, das Treffen hat es nie gegeben. Solange keine Beweise vorliegen gilt der Tatbestand der Unschuld. Jeder Mensch, der einer strafbaren Handlung beschuldigt wird, ist solange als unschuldig anzusehen, bis seine Schuld in einem öffentlichen Verfahren, in dem alle für seine Verteidigung nötigen Voraussetzungen gewährleistet waren, gemäß dem Gesetz nachgewiesen ist. Unschuldig, wer den Holocaust leugnet? Unschuldig, alle Mitläufer, die von alledem nichts wussten. Bis eine Kläger*in kommt. Gambias Justizminister Ba Tambadou verfolgt Völkermord von Ruanda bis Myanmar. „Häuser wurden niedergebrannt, Babys aus den Armen ihrer Mutter gerissen und lebendig ins Feuer geworfen, Männer zusammengetrommelt und hingerichtet, Mädchen gruppenvergewaltigt“. Völkermord an einer Million Tutsi. Von den Nationalsozialisten in der Logik ihrer von Hass geprägten Ideologie und eines menschenverachtenden Rassismus wurden über 5 Millionen Menschen ermordet und mehr als 50 Millionen auf den Schlachtfeldern geopfert. Wie schuldig sind diejenigen, die am 30. Januar 1933 Hitler und die NSDAP erstmals in die Regierung gewählt haben? Ahnungslose! Eine radikale Splitterpartei, die den Antisemitismus und Nationalismus praktizierte, schwache und politisch Andersdenkende diskriminierte und verfolgte, quälte und verhöhnte. Vergessen? Und ersetzen durch Provokationen wie Politaia – Fakten.Fiktionen.Fakes. Verfolgung wird nicht vergessen. Diskriminierung wird vergolten.

Vergessen macht leicht. Leichtsinnig. Sinnlos. Aber frei und los-gelöst. Loslassen. Sich freimachen von Last und Schuld. Leichtigkeit. Flughöhe gewinnen. Führerschaft als Vielflieger. Pilotenschein fürs Wochende. Frohsinn und Wohlgemut. Immer ein Lächeln auf den Lippen, statt Gesicht ein Smiley. Emoticons. Likes. Schmetterlingsgleich luftig in die Höhe geschwebt. Traumgewebt, Träume bereist. Gärten entdeckt. Im Tanz sich gedreht und Ringelnatz zitiert. „Vorbei – verjährt – doch nimmer vergessen. Ich reise. Alles, was lange währt, ist leise. Die Zeit entstellt alle Lebewesen. Ein Hund bellt. Er kann nicht lesen. Er kann nicht schreiben. Wir können nicht bleiben. Ich lache.“ Verlorene Illusionen. Voll Farben. Fehlfarben gleich. Frieden fängt im Inneren an. In die Leere hineingeboren. Lautlose Töne achtsam zerstäubt. Unschuldig wie ein Lamm. Das Schweigen der Lämmer. Ohne Erinnerung. Aber die großen Fragen nach dem Sinn des Lebens bleiben. Auch wenn Yoga, Zen und Kakaozeremonien helfen über die aus der Leere der Antwortlosigkeit und Geschichtsscham hervorgehende Glaubenskrise zu mildern. Mein Denken ist gestört. Die Synapsen funken Freude. Ich möchte Vögeln um meinem Verliebtsein Ausdruck zu verleihen. Der Zusammenhang ist nicht gegeben. Was gestern noch war ist heute nicht mehr und ein Morgen ist nicht zu erkennen. So unschuldig will wer noch einmal werden. Einfach-vital-Leben. Dein Raum. Deine Zeit. Dein Weg. Deine Entscheidung. Mein Einfühlungsvermögen, meine Wertschätzung, mein Respekt und eine Portion Humor. Ich begleite Sie mit ihren Anliegen, Veränderungswünschen und Beschwerden auf ihrem weiteren Weg durchs Leben. Einfach mutig. „Wer nicht auf seine Art denkt, denkt überhaupt nicht“ sagte Oscar Wilde – hab ich gelesen. Da ist wer stets auf der Suche, sich neu zu erfinden, seine Welt zu verstehen und Wege zu finden, besser zu leben und zu arbeiten. Was ist der Sinn des Ganzen? Wie verloren und vergessen. Wie geboren und vermessen.

Was weisse Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten hat viel mit Leugnung der Vergangenheit zu tun, zum Teil Vergessen, viel mehr aber mit Macht. Macht der Bilder, Macht der Geschichten, Übermacht an chauvinistisch-idealistischen Erklärungen von sogenannten Fakten. Kein Bewusstsein dafür, dass der Unterricht an Schulen und an Universitäten überhaupt von einer bestimmten Perspektive geprägt ist: weiß, männlich, christlich und heteresexuell. Mit der Aufklärung kamen die Menschenrechte aber die Kolonialisierung schritt weiter voran. Die Versklavung ganzer Volksgruppen nahm massiv zu und fand in naturwissenschaftlichen Theorien seine Begründung. Sklaven als Menschen zweiter Ordnung. Armes Afrika, reiches Europa, weißes Deutschland. Bis heute. Dagegen ist die andere Sicht unbekannt. Die große Katastrophe. Zwischen fünf und 15 Millionen Opfer, die alleine in den 23 Jahren der Herrschaft König Leopolds II. über den Kongo zu verzeichnen sind. Die deutschen Verbrechen an den Herero und den Nama. Es gibt nichts zu vergessen, denn die Toten wurden nicht gezählt und die Vergangenheit lückenhaft dokumentiert. Die Erinnerung lastet auf den Seelen und in den Herzen der Nachfahren. Leib-Seele-Problem. Strassenschilder und Gebäude sind benannt nach den großen Patriarchen unter den Kolonialherren und Kaufleuten, aber nicht nach den Opfern imperialer Gelüste und epochaler Eroberungen. Darum fürchtet sich Europa vor den Menschen aus dem Süden. Die Grenzen werden verschlossen. Wegschauen. Nationalstolz. Schonmal von einer Anton Wilhelm Amo Strasse gehört in Jena oder in Braunschweig? Bedenken ohne Ende. Sorge um die Durchmischung. So tun, als ob es einen nichts anginge, aber weiter Kaffee trinken, Schokolade essen, Gold und Diamanten zu Schmuck verarbeiten, Smartphones und Tablets produzieren und vertreiben. Vergiss nicht: Fatou Bensouda, Chefanklägerin beim Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. Preta Ferreira, brasilianische Wohnungslosenaktivistin „für die Reichen sind alle Armen gleich“, Karamba Diaby, SPD, deutscher Politiker und Mitglied des deutschen Bundestages, Olivette Otele, seit 2018 Professorin für Geschichte an der  Universität in Bath, England, und damit die erste Woman of color in einer solchen Position in Großbritannien, Joacine Katar-Moreira, 2019 die erste Woman of color an der Spitze einer Wahlliste in Lissabon, Portugal, Candido Mahoche, Fußballtrainer in Hainsberg, Brandenburg und Stadtrat für die CDU seit 2015, Musa Okwonga, britisch-ugandischer Schriftsteller und Musiker lebt in Berlin, Theodor Wonja Michael, einer der letzten Schwarzen Zeitzeugen der NS-Geschichte. Aufgelistet, um nicht vergessen zu werden. Aus Scham, aus Sorge, aus Verzweiflung und aus Hoffnung, dass wir nicht vergessen werden.

Aber lassen wir das. Wir vergessen es. Mit der Zeit verblassen die Bilder und was bleibt sind Eindrücke und vereinzelte Geschichten, verfasst und zusammengestückelt von Schriftsteller*innen, Publizist*innen und Erzähler*innen. Freischaffende Künstler*innen, Komponist*innen, Journalist*innen, Sänger*innen und Gaukler*innen. Wir erzählen dir was. Lass dir was erzählen. Heute gelesen oder gehört und morgen schon wieder vergessen. Im Leben zählen Essen und nicht wessen. Sammeln und gammeln die Schnipsel so vor sich hin. Mit Google rette ich mich aus dem Mangel an Fakten, schöpfe aus dem Trog ungefilterter Schwemmpartikel und fange Fische, die noch eine Weile zappeln. Wir studieren die Folgen und prognostizieren die Zukunft auf Basis unvollständig und verzerrt abgebildeter Realitäten. Wir schreiben die Geschichte großer Helden fort und lassen schnell wieder ab von kritischen Fragen. Dabei stünden die Chancen gut für einen Aufbruch. Dank Greta Thunberg und den Freitag, an dem wir Zukunft gestalten. Sollen die Lehrer*innen am Freitag mal an einem neuen Curriculum arbeiten. Die Geschichte aus den Augen der Nachbarn schreiben und die eigene Vergangenheit in einer anderen Perspektive betrachten. Schauen wir mal durch die arabische Brille oder durch die von Chines*innen. Was würden wir anders verstehen. Und warum uns nicht gleich die Geschichte von anderen erzählen lassen, um nicht in die Verlegenheit zu kommen sich selbst die Geschichte aus der vermeintlich verstandenen Sicht der anderen erzählen zu lassen. Zumindest wäre es mal an der Zeit, sich die Geschichte Afrikas von Afrikaner*innen erzählen zu lassen und sie nicht den Afrikaner*innen zu erzählen. Wir mögen es doch auch nicht, wenn andere unsere Geschichte meinen erzählen zu müssen. Wir sollten ganz viel vergessen. Ganz viel sein lassen. Das würde unsere Möglichkeiten enorm erweitern.

 

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