Normalität

Zu Weihnachten sollte alles wieder ganz normal sein. Was könnte das wohl heißen? Glühwein trinken auf dem Christkindlesmarkt. Wichteln mit den Kolleg*innen. Beim Sportverein der Weihnachtsmann mit Oho und Aha und die Rute droht und alle Kinder johlen und rennen durcheinander. Schallende Stimmen, ein Jauchzen und Jubilieren, Freude und Kerzengefunkel allerorten. Vor Heiligabend dann schnell noch shoppen, Koffer packen, das Auto beladen, die Skier aufs Dach und nach Süden in die Berge auf die Hütten. An Heiligabend gerne dicht gedrängt, Schulter an Schulter zwischen den Kirchenbänken stehen, „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“ aus tausend Kehlen erklingen und voller Ungeduld auf die Bescherung, wenn der Christbaum glitzert und die Geschenke auf die Kinder warten. Klassisches Bild einer abendländischen Weihnacht, bürgerlich protestantisch, mitteleuropäisch, konsumistisch, kapitalistisch und gut. Zufriedene Menschen, selige Blicke, zuckerversüßt und dankbar in Maßen, solange kein Streit entsteht. Gehört aber auch dazu. Ist ganz normal.

Viel zu oft ist es schon so gekommen und hätte immer so bleiben sollen, wenn nicht Amazon und Lieferando die Ordnung durcheinandergebracht hätten. Die Wunschzettel werden noch im letzten Augenblick online aufgegeben und wer will, kann auch gleich noch den Weihnachtsmann mitbestellen. Die Auswahl ist groß und wächst weiter. Spiele und Apps begleiten uns durch die Krise. Zusammensein erfolgt online und kennt keine Grenzen. So träumen wir uns eine Welt zurecht in der alles und jederzeit überall zu haben ist. Für diejenigen, die schon genug haben, so scheint es, wird es immer mehr, derweil andernorts die Wasserpegel steigen, die Stürme mächtiger und die Temperaturen teils unerträglich werden. Auch das erachten wir scheints schon als normal: Wenn Flüchtlingslager erst abbrennen müssen, damit etwas in Bewegung kommt, die Menschheit reagiert. Dann aber doch ein großteil der heimatlosen Migrant*innen einem Winter entgegensehen, der ihnen weder Schutz noch Aussicht auf Besserung, weder Wärme noch Licht im Dunkel einer endlosen Nacht verheißt. „Besser reich sein in der Pandemie“ titelt Barbara Dribbusch in der TAZ und berichtet von einer Studie aus der hervorgeht, dass die Kluft zwischen Wohlhabenden und Niedrigverdiener*innen in der Coronakrise wächst. Haushalte mit mittleren Einkommen legen an Einkünften zu, derweil die untere Mittelschicht und Haushalte mit niedrigem Einkommen weiter in den Rückstand geraten. Es war schon immer normal, dass der Teufel auf den größten Haufen scheißt „Denn wer da hat, dem wird gegeben, daß er die Fülle habe; wer aber nicht hat, von dem wird auch das genommen was er hat“ (Matthäus 13:12).

Und so kann alles bleiben wie es ist, auch wenn wir immer wieder gerne die Frage stellen „wie wollen wir leben?“ Wollen wir ein Infektionsschutzgesetzt oder Hilfen für Fahrzeugbauer, Fördermittel für Flugbetriebe, Flottenaustauschprogramme für LkW, Kaufanreize für E-Fahrzeuge und mehr Stromtankstellen? Wollen wir eigentlich nur endlich wieder tanzen gehen können, ein Konzert besuchen, durch ein Museum wandeln und in der Kneipe sitzen? Oder wollen wir die Welt in größerem Maßstab verändern? Wie digital soll unsere Welt werden?

Eine Krise birgt auch immer die Chance, hätten wir vielleicht mal gehört haben können, sofern wir in Berührung gekommen sind mit Transformationsforschung, Psychologie, Sozialökonomie, Geschichte oder Philosophie. Ein Wagnis einzugehen wäre jetzt die Gelegenheit. Eine neue Verkehrspolitik. Statt Autos, besser Fahrräder bauen, statt SUVs, lieber Lastenräder auf die Straße bringen. Mit kleinen Akkus und einem geringeren Bedarf an Ladestationen in eine ökologische Zukunft steuern. Fussgängerzonen schaffen, regionale Kreisläufe fördern und lokale Lebensmittelversorgung sichern. Stattdessen wird weiter gerodet und asphaltiert, Brücken verbreitert und dem Auto eine weitere Spur zugestanden. Immer schneller, immer weiter, als würde Elektromobilität nicht auch Energie schlucken. Freiheit gleich Mobilität, über die Grenzen der Belastbarkeit unserer Umwelt hinaus. Selten so wenig von den Nachhaltigen Entwicklungszielen (SDG) gehört wie in 2020, fünf Jahr nach deren Verabschiedung durch die Vereinten Nationen (25.09.2015 Transforming our world: the 2030 Agenda for Sustainable Development und das Übereinkommen von Paris vom 12.12.2015).

Und die Sehnsucht steigt nach dem neuen Normal. „Zurück in die Zukünfte“. „Voraus in die Vergangenheiten“. So surreal wie unsere Slogans klingen, so abstrus kommt es mir vor, wenn mir Kaufanreize geboten werden, Kindergeldzuschläge vergönnt sind, mein Arbeitgeber mich ins Homeoffice entlässt, mit der Forderung die Leistung wie zu Beginn des Jahres vereinbart zu erbringen. Zielvereinbarung bleibt wie sie war. Führungsfeedback erfolgt wie immerdar. Neue Konzepte zu Kooperation und Führung haben meines Wissens daran noch nichts in Zweifel gestellt. Insofern ist mit einer neuen Kultur und einer Veränderung nicht zu rechnen. Es wird wohl nur zu einem Nachholen von Ski- und Strandurlaub, Kreuzfahrt und Städtetour kommen. Wir haben doch gespart und konnten Rücklagen bilden, um uns im kommenden Jahr für den Verzicht in Zeiten des Lock-Downs zu entschädigen. Also gib nicht auf. Macht jetzt nicht schlapp. Halte durch. Alles wird gut! Solange du wild bist.

Bedauerlicherweise gilt das eben doch nur für die, die sowieso schon haben und die aus der Krise gestärkt und gestopft hervorgehen werden. Bei allen Kompensationen, finanziellen Hilfen, Fördergeldern bis hin zu den zusätzlichen Mitteln für die geschädigte Forstwirtschaft, frage ich mich, warum die Rechnung noch nicht aufgemacht wurde, wieviel mehr oder weniger es den Bundeshaushalt belastet hätte, wenn eine Grundsicherung eingeführt worden wäre, statt den gehobenen Mittelstand an der Krise verdienen zu lassen. Ist das vielleicht die Verschwörung, von der in den (a)sozialen Medien das Gerücht verbreitet wird? Oder sind es doch nur Zeichen von Mutlosigkeit, Unlust, Angst vor Machtverlust und Prestige, mangelnde Kreativität und gewiss auch politisches Kalkül. Sollten wir nicht doch mal wieder fragen, was eigentlich mit den €12,43 Mrd. (Einzelplan 23) für die internationale Zusammenarbeit passiert ist? Wieviel davon ist in die Gehälter der Expert*innen geflossen und wieviel ist Flüchtlingen zugute gekommen? Wer finanziert sich seinen Urlaub und in welche Verwaltung sind die Finanzmittel geflossen? Verändern wir damit die Welt oder sorgen wir dafür, dass sie bleibt wie sie ist? Den Status Quo aufrechterhalten, dem Fortschritt und dem Wachstum die Lobeshymne singen und Corona hinter sich bringen.

Es ist ganz normal, dass immer knapp die Hälfte des Volkes ihre Unterdrücker selbst wählt. Mögen sie auch ganz sozial und national daherkommen, als Wutbürger*innen die eine freie Meinungsäußerung fordern, aber Journalist*innen verprügeln, die den Untergang der Demokratie prophezeien und sich selbst zerlegen, die den Moslems Gewalt unterstellen aber ihre Frauen verprügeln und zur Menschenjagd aufrufen. Das ist normal und gehört zum Erstarken des Männlichkeitsdiskurses. Darum geht es doch in der Auseinandersetzung zwischen Biden und Trump, zwischen Demokrat*innen und Republikaner*innen, zwischen den Mächtigen und Ohnmächtigen, zwischen den Davids und den Goliaths. Um die Macht und die Unterdrückung. Die Mehrheit gegen die Minderheit und wenn sie nur ganz wenige Stimmen mehr hat oder eben doch nur die besseren Waffen. Das hat es schon immer gegeben und wird sich wohl leider nicht ändern, auch wenn der Verfassungsschutz sich damit befassen will und die Querdenken-Bewegung gerade eine schlechte Presse hat, egal was davon droht übrig zu bleiben. Was wären wir, wenn wir keine Feinde mehr hätten und nicht wüssten wogegen wir uns stellen sollten?

Wo Qualifikation einhergeht mit Vorstrafen für Körperverletzung, Urkundenunterdrückung, Fahrens ohne Fahrerlaubnis und unerlaubten Waffenbesitz da tut sich einer für den Posten des Königs hervor. Reichsbürgervorstellungen. Wenn Peterchen Fitzek in krankhafter Beziehung steht zu seiner Herkunft aber die eigenen Fähigkeiten entdeckt zu reden und zu leugnen, zu gefallen und zu überzeugen, esoterische Devotionalien vertreibt. Was liegt näher als Vereine, Sozial- und Gesundheitskassen und schließlich ein „Königkreich Deutschland“ zu gründen. Wir kommen aus Wittenberg und sind zu höherem berufen. Soviel Freiheit muss sein. Sozial-nationalistisch kommt das neue Normal daher, fixiert auf das Wir und das Volk, verschworen und verschwurbelt, bestenfalls gegen den Strom, gegen die elitären Experten, die Wissenschaften, die Lügenpresse und die Politik. Alte einsame weiße Männer, die sich gegen queere Vorstellungen sträuben und Michael mit seiner Lingulab und der Media Access GmbH ist der Ball-weg genommen.

Das neue Normal wollte die Attraktivität der Bahn steigern und die Anzahl der Reisenden auf das Doppelte erhöhen. Doch nun brechen die Fahrgastzahlen ein. Wer gut verdient, meidet den Nahverkehr und steigt auf Auto oder Fahrrad um – nur Einkommensschwache nutzen Busse und Bahnen. Die Schäden am System könnten bleibend sein. Aus Angst vor den Viren und weil die Berufspendler*innen ihr Laptop zuhause und nicht mehr im Großraumabteil aufklappen, den Tag zuhause statt in der Bahn verbringen und wenn schon reisen, dann doch lieber mit dem subventionierten Dienst-PkW – demnächst mit Chauffeur*in oder mit Autopilot. Die Gefahr ist zu groß sich im öffentlichen Terrain, da, wo sich Menschen noch leibhaftig und nicht am Bildschirm begegnen, doch irgendwo mit dem Virus zu infizieren. Die Luft ist voll davon. Viren sind böse und richten Schaden an.

Bis vor kurzem war es nicht ausgeschlossen, dass eine Gruppe von Reisenden, kaum hatten sie im Zugabteil ihre Plätze eingenommen, den Mund- und Nasenschutz unters Kinn klemmten und die mit Sekt befüllten Plastikbecher herumreichten, um schon nach kurzer Zeit in eine fröhlich gelockerte Stimmung zu verfallen, gerne auch andere Fahrgäste im Abteil mit einbeziehend. Lassen wir doch mal unsere Hemmungen fallen, rücken zusammen, lockern uns und chillen mal. Wieso unsere Bewegungsfreiheit einschränken lassen und einem undurchsichtigen Regelwerk Folge leisten, das uns auf Abstand programmieren und auf Misstrauen konditionieren soll? Jeden Tag ein Zusatz zum schon bis jetzt nicht verstandenen Hygiene-Konzept. Führungskräfte telefonieren und verhandeln, schleifen an den Formulierungen und Texten, erlassen Direktiven, die von Gretl und Pletl umgesetzt werden sollen. So beim Gesundheitsamt oder an der Rezeption eines Tagungszentrums. Was für die Führungskraft ganz plausibel klingt bewährt sich im Praxistest nur selten. Macht aber nichts, denn eine Rückmeldung erfolgt in der Regel nicht. Würde ja den Frieden stören und die Vorgaben und Entscheidungen der in der Hackordnung und Hierarchie oben stehenden in Frage stellen. Das wird gerne unterlassen, denn es schadet dem eigenen Ruf, dem Frieden und der Beförderung. Es ist und bleibt ganz normal, sich gerade in schweren Zeiten, unter Anspannung und Druck der Hierarchie zu fügen. Nur leider gelingt es der Bundesbahn nicht, attraktive Angebote zu machen, trotz aller Mühe und Zugewandtheit den Gästen gegenüber.

Anstandslos, als gäbe es überhaupt keine Pandemie und als würden die öffentlich rechtlichen Sender schon lange nicht mehr beim arbeitenden Volk wahrgenommen, werden Zwischendecken gegossen, Glasfaserkabel verlegt, Brückenpfeiler ersetzt und Bahntrassen gezogen. Arbeit findet statt als habe es keine Übersterblichkeit gegeben, leiden muss das dienstleistende Volk. Horeca trifft es in besonderem Maße, ebenda wo Menschen sich wahrhaft begegnen, nächtigen, schlemmen und schäkern – wo Kontakt erfolgt und sich Spannung entlädt, wo der Gaumen Lust verspürt und die Lenden sich lockern. Auf dem Traktor sitzt es sich auch in Corona-Zeiten bequem und sicher, denn mit einem Bauern will sich heute sowieso niemand mehr paaren. Aber Städte sind bei Nacht nun verlassen und warten auf die Rückkehr der Normalität, auf die Jugend und die Flaschen. Einzig die Obdachlosen können nun in Ruhe unter den Vordächern und Brücken schlafen, wo ihnen keine Alternative mehr geboten wird, denn die Unterkünfte sind spärlich besetzt, stehen doch freiwillige Helfer kaum mehr zur Verfügung und das Personal bleibt unterbezahlt und kann weitere Überstunden nicht mehr leisten. Hilfe geben, Hilfe nehmen in Zeiten der Kontaktbeschränkungen ist nur eingeschränkt möglich. Infrastrukturmaßnahmen und Großbaustellen haben Konjunktur. Körperliche Unversehrtheit steht an erster Stelle. Die psychischen Belastungen steigen.

Das Jahr neigt sich dem Ende entgegen. Und so werden auch diese Betrachtungen zu einem Ende kommen. Veränderung fängt schließlich bei einem selbst an. Und für mich zeichnet sich ab, dass ich mich aus der virtuellen Welt schrittweise zurückziehe. Es war ein Abenteuer, eine Entdeckungsreise. Ich hatte mir ein Thema vorgenommen was „Armut“ hieß. Dabei habe ich die Relativität des Begriffs abgetastet und meine eigene Rückständigkeit erfahren. Es hat bisweilen Spass gemacht, mir aber auch etwas abverlangt und mich gefordert. Ich wünsche euch allen Gesundheit, gutes Gelingen und viel Glück auf den zukünftigen Wegen. Es ist ganz normal, dass Dinge zu einem Ende kommen. Hier ist es!

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