Grund für ein Kommen

Jetzt fangen wir an zu denken. Und wir werden verhandeln. Wo die Mehrheit der Menschen weder Boden noch ein Heim besitzt, in Deutschland die Mieten debattiert werden und Hartz IV auf dem Prüfstand steht. Es ist noch gar nicht so lange her, da gehörte das Land den Königen (Königinnen) und den Fürsten, den Großgrundbesitzern und den  Lehnsherren. Die Grundlage der hochmittelalterlichen Gesellschaftsordnung der abendländischen Staaten, vor allem des Heiligen Römischen Reichs.  Aber wir sind nicht im Mittelalter angekommen. Wir wollen uns nicht gegenseitig den Schädel einschlagen oder uns unserem Schicksal ergeben.

Wir halten es für selbstverständlich, dass kleine Gruppen, vornehmlich weiße Männer, die Spitze der Hackordnung, von Besitzenden, uns Schutz gewährt, zur Ordnung ruft, die Gesetze macht, die Erbschaft und den Zins einstreicht. Es gibt Leute, die behaupten die Einkommenschere klaffe immer weiter auseinander. Es gibt schlaue Leute, die meinen, das wäre eine Verdrehung der Tatsachen und populistische Mache der Medien. Ich habe ernsthaft gebildete Menschen in verantwortlichen Positionen erlebt, die behaupten wir sollten zufrieden sein, denn es ginge uns allen doch immerzu nur besser. Wir haben zu essen (danksei Lidl, Aldi und der Massenproduktion), haben eine Krankenversicherung und eine Warenflut, wie es die Menschheit noch nicht erlebt hat. Ich will in diesem Zusammenhang nun einfachheitshalber auf die Geschichten geschundener Kinder und versklavter Eltern verzichten, denen wir unsere günstigen Waren zu verdanken haben und auf den Zusammenhang zwischen (Arbeits-, Wirtschafts-) Migration und Wohlstand in Europa verzichten.

Aber den Grund hat man den Massen genommen. Grund und Boden wurden veräußert. In kurzfristigen Konsum haben wir den Grund verwandelt gesehen. Heute gehört der Grund nur noch Wenigen. Wie schon im Heiligen Römischen Reich, wo die Fürsten über das Schiksal der einfachen Leute herrschten. Die einfachen Leute wurden als Polizisten und als Verwalter, als Schreiber und als Soldaten verpflichtet und mißbraucht. Sie durften haushälterische Tätigkeiten verrichten und Botengänge absolvieren. Einfache Leute arbeiten in Krankenhäusern, Kindergärten, dürfen unsere Kinder erziehen und den Kleinhandel bedienen.

Das Grundeinkommen könnte die soziale, die liberale und die moralische  Antwort auf den Zustand der Ungleichverteilung sein. Doch wir stehen ganz am Anfang der Debatte. Noch blockieren die Protagonisten sich gegenseitig. Die Sozialisten unterstellen den Liberalen, wie schon vor hundert Jahren, Täuschung. Die konservativen verweigern sich gegenüber der Bedingungslosigkeit. Leistung muss sich lohnen. Für Nichtstun gibt es kein Geld. Und doch befürworten stets mehr das Grundeinkommen. Weit verbreitet ist dabei die Vorstellung, dass jede Bürgerin und jeder Bürger monatlich einen monetären Betrag erhalten soll, der zur Existenzsicherung verhilft. Dass es aber vielmehr um einen Paradigmenwechsel gehen muss, das wird übersehen.

Es geht um die Abschaffung von Kindergeld, von Wehrsold, vom freiwilligen sozialen Jahr, von Weltwärts, vom Entwicklungshelfergesetz und von vielen karitativen Dienstleistungen. Viele dieser Fördermittel könnten entfallen, die Antrags- und Kontrollverfahren abgeschafft. Denn wer Grundeinkommen hat, der kann auf viele Sozialleistungen verzichten. Gemeinden, Kommunen, Länder, der Staat oder eine Staatengemeinschaft bedürfen keiner hochkomplexen sozialen Sicherungssysteme mehr, mit Arbeitslosengeld und Sozialhilfe, Kindergeld und Steuerentlastung, Pendlerpauschale und Erziehungsbeihilfe, wenn es ein bedingungsloses Grundeinkommen gibt. Los lassen. Loslassen von überkommenen Vorstellungen. Change. Und darum geht es.

Verstehen: Dass der Mensch Rechte hat. Ein Recht auf Nahrung, Bildung und eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Mag sein, dass wir enteignet wurden oder noch nie etwas besessen haben, außer unserem Körper unserer Liebe und unserem Vertrauen, aber Rechte – wurden uns zugestanden, und das nicht erst seit gestern. Auch wenn uns Grund und Boden abhanden gekommen sein sollten, weil wir nicht die Fähigkeit hatten, damit, im Sinne eines aufgeklärten Kapitalismus, produktiv umzugehen und unsere Ressourcen zu vermehren, so dürfen wir heute, das Recht reklamieren, ein Auskommen zu haben. Und ein Recht, nicht monatlich überprüft zu werden und ausgeliefert an Verwaltungsfachkäfte.

Wir sollen und wollen essen, unsere Kinder zur Schule schicken, die öffentlichen Verkehrsmittel benutzen, die Parks und Wälder, die Spielstätten und Jahrmärkte, besuchen können. Das dürfen uns die Herrschenden nicht verwehren, auch wenn die Besitzenden uns jeglichen Boden und alles Eigentum genommen haben (sofern wir jemals irgendetwas besesssen haben sollten).

Wir haben die Welt so nicht entworfen. Wir sind nicht die Planierraupen und die Grader,  sind nicht politsch verantwortlich, haben die Gesetze nicht geschrieben und wollen doch auch leben. Es gibt einen Grund für Einkommen, denn ohne Einkommen kein Auskommen und, Auskommen ist unser Recht.

Fangen wir doch einfach mal an, mit den jungen Erwachsenen. Sie sollen wählen. Wollen als Bürgerinnen und Bürger ernst genommen werden. Sie haben einen Führerschein oder konnten ihn sich nicht leisten. Sie wollen arbeiten oder lieber weiter lernen. Sie wollen mal chillen. Ein paar Jahre die Welt entdecken. Sie wollen sich schon  selbstständig machen aber haben dafür nicht das Kapital. Sie würden gerne arbeiten, aber finden den Arbeitgeber nicht. Diese jungen Menschen sollten sofort und als erstes, bedingungslos und ohne weitere verwaltungtechnische Komplikationen, ein Grundeinkommen beziehen. Alle Menschen zwischen 18 und 25 erhalten ein bedingungsloses Grundeinkommen. Damit sie sich orientieren können. Damit sie eine Ausbildung machen können. Damit sie nicht auf Kosten ihrer Eltern leben müssen. Damit sie sich die Mieten leisten können und sich ernähren. Damit sie uns für die Zukunft erhalten bleiben. Alle. Und nicht nur die, deren Eltern ihr Leben finanzieren, die geerbt haben oder die sich noch nie Gedanken darüber machen mußten, worum sich andere immer sorgen. Alle. Ausländer und Deutsche, Flüchtlinge mit und ohne Aufenthaltsgenhmigung. Die jungen Leute sind das Potential von morgen. Sie sind das knappe gut unserer alternden Gesellschaft. In sie sollten wior investieren. In sie sollten wir vertrauen. Und wir sollten nicht weiter die soziale Ungleichheit und die Eliten fördern, nicht nur die Leistungsträger und die fitten.

Und dann kommen wir zu den Erfolglosen, den Aussätzigen, den Querdenkern und Orientierungslosen. Die, die einfach nicht so wollen, wie die Masse sich das vorstellt. Die, die lieber unter Brücken schlafen als sich anzupassen, die, die immer noch meinen, den großen Erfolg zu landen als Autor oder den Durchbruch als Fußballer. Die, die die Arbeitsagentur nach fünf Jahren immer noch nicht vermitteln konnte. Die, die immer wieder etwas Neues anfangen, es aber nicht durchhalten. Die, die den Stress nicht abkönnen, die allergisch reagieren, wenn sie nur das Wort Digitalisierung hören. Sie haben das Recht auf eine Grundsicherung. Sie bekommen eine Wohnung und zu essen. Ob es ihnen  monatlich auf das Konto überwiesen wird oder ob ihnen Hilfe an die Seite gestellt wird bei der Verwaltung des Geldes. Das soll das Sozialamt entscheiden. Aber, sie haben das Recht auf die Solidarität der Gesellschaft in der sie leben. Und wir sind eine Gesellschaft, die es sich leisten kann. Wir holen uns das Geld von denen, die mehr als €100.000,- pro Monat verdienen. Und wir holen uns immer genauso viel, wie es braucht, um die, die es brauchen und die keine Rücklagen haben mit zu ernähren und ihnen ein Auskommen zu erlauben. Sollen die selbstgefälligen Überflieger, die erfolgreichen Eigenheimbesitzerinnen und Bodenbesitzer doch dagegen verweigern. Dann zerren wir sie auf irgendeinen Marktpklatz und diskutieren das mal durch. Und dann fragen wir mal nach den Widerstandswerten.

Kein Grundeinkommen bekommen all die, bei denen Erbschaften anstehen, die über Eigentum, Häuser, Grundstücke und Anteile an Unternehmen verfügen. Das ist doch ganz einfach. Womit beschäftigt sich denn das Finanzamt? Soll es sich doch mal zur Abwechslung mal mit den Besitzenden und  nicht mit den Besitzlosen befassen. Was ist denn da eigentlich passiert in den vergangenen 300 Jahren? Nicht viel.

Und dann, geht es uns natürlich, um die Alten. Klar. Die sollen nicht hungern. Wenn sie genug gescheffelt haben, dann werden sie bis auf Weiteres auch zu essen haben. Wenn sie Kinder gezeugt haben und die Kinder ihren Platz in der Gesellschaft gefunden und erfolgreich waren, dann brauchen wir uns um sie doch weiter keine Sorgen mehr zu machen. Sie haben eine Krankenversicherung und Familienmitglieder . Sie werden auch ihren Platz im Altersheim finden, vorausgesetzt wir schaffen es, diese Altersheime auch weiter am Leben zu erhalten. Es ist darum nicht eine Frage des Grundeinkommens der Alten, sondern der Beschäftigten. Wenn für alle gesorgt ist, dann sollte es für die über 70 jährigen doch auch nicht allzu eng werden. Klar, sie werden keine Flugreisen in den Safaripark von Tansania mehr unternehmen und auch keine Kreuzfahrt in die Antarktis, aber sie sollen doch ihre medizinische Versorgung bekommen. Und sie sollten sich um ihre Unterkunft und Ernährung keine Gedanken mehr machen müssen. Hey, Leute. Das haben wir doch nicht nötig. Altersarmut? Und auf den Strassen reiben sich Stoßstange an Stoßstange, knubbeln sich die Limousinen und Wasweißichwas für Schlitten. Blitzurlaub in Übersee, Privatflugzeuge, Jachten im Mittelmeer ein Ferienhaus in den Bergen und hier hungern und verdursten die Alten. Da können sich manche doch echt nur noch schämen.

Also. Haben wir das jetzt verstanden? Grundeinkommen! Das ist ein Recht der Besitzlosen. Die EntscheiderInnen sind das jetzt gerade am diskutieren. Noch nie war es so ernst. Noch nie waren wir der Wahrheit so nah. Aber wollen wir das? Dem Menschen ein Recht auf sein Dasein gewähren? Nicht seiner Leistung. Nicht seiner Produktivität. Nicht seiner Dienstbereitschaft. Nicht seiner Ergebenheit.

Einkommen: Es gibt viele Gründe dafür. Und hört mir doch auf mit der Bedürftigkeit und den Almosen.

 

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