Hitzeschlag

Der Juni 2019 war nicht nur mit 4°C über dem Durchschnitt der heißeste Juni in Deutschland, sondern auch in Europa und in der ganzen Welt. Im Juli wurden die Höchstwerte dann ein um das andere Mal gebrochen, so in Bonn-Roleber, in Lingen und in Geilenkirchen. Derweil legen wir bei 40°C in Rüthen 50km pro Tag mit dem Fahrrad zurück, schieben die Räder Schotterpisten hinauf um nach Warstein zu kommen. Da brauchen wir kein Portugal und kein Korsika. An eine Wüstendurchquerung hatten wir sowieso nie gedacht. Wir haben die Hitzewelle in Nordrhein-Westfalen. Regional, lokal, nachhaltig, selbstgemacht. Und über uns am Himmel ziehen die Flugzeuge ihre Bahnen. Egal wohin wir uns flüchten, in die Berge oder aufs Land, am See oder im Wald. Kondensstreifen am Himmel und stets das Grollen der Motoren, mal mehr, mal weniger weit entfernt. Um weitere 4 Prozent darf das Flugaufkommen gestiegen sein in 2019. Schauen wir uns die Statistik gegen Ende des Jahres doch noch einmal an.

Derweil träumen die Vorstandssprecher der großen Fluglinien von klimaneutralem Fliegen – in der nahen Zukunft. Also: fliegt mehr, damit in nachhaltiges Fliegen investiert werden kann.  Und blendet weiterhin schön aus, dass der Flugverkehr uns neben Luftverschmutzung und CO2 Emissionen auch noch Lärm und Bodenversiegelung beschert. Fast-food kommt gepaart mit Massentourismus daher. Coffee-to-go and never-come-back.  Nationalstaaten werden immer weniger dazu imstande sein, die Interessen der Bürger gegenüber den wirtschaftlichen Kräften geltend zu machen. Gründe gibt es genug, die Mobilität zu fördern, die Massenproduktion voranzutreiben, die Industriegesellschaft zu lieben. Probier‘ doch mal das Leben in der Kleinstadt, auf dem Land, Lippe oder Bergisch – ganz gleich – und frag‘ nach Bio, Kino, Konzert und Esskultur. Da ist Skatspielen wohl eher angesagt und Bier schlürfen in der Männerrunde, abends, wenn das Feld gepflügt und das Heu eingefahren, wenn die Rindviecher gemolken und die Mastanlage programmiert ist.

In seinen sterblichen Händen hält der Mensch die Macht, alle Formen menschlicher Armut und alle Formen menschlichen Lebens auszulöschen. Wir sollten jeden Preis bezahlen, um die Freiheit zu bewahren. Wirklich wird, was ich erfahren kann und worum ich mich kümmere: Das historische Haus. Die Insekten. Die Blumenwiese. Alles kann nur weiter existieren, wenn ich mich dafür sensibilisiere. Auf diese Weise gewinnt die Individualität in geisteswissenschaftlicher Sicht das periphere Ich zurück, jetzt als freies Gegenüber des zentralen Ichs. Das „Geistselbst“ sucht Anschluss und will Teilhabe an der gemeinen Welt. Am Biggesee herrscht Windstille. Und in 10 Jahren wird die Welt so nicht mehr aussehen, wie sie jetzt noch ist. Die Künstliche Intelligenz wird sich ausbreiten in unseren Wohnzimmern. Der damit einhergehende sinn-entleerte Wille wird sich dann in Gewalt äußern. Und dann wird es nicht mehr weiter um die persönlichen Interessen und die Digitalisierung gehen, sondern um die Frage, was das menschliche Ich ausmacht. Labyrinthe der Selbsterforschung. Ein Ungleichgewicht, das sich nach Balance sehnt.  Je mehr sich das ICH aus dem Denken, Fühlen und Wollen zurückzieht und die Sinnfrage sich zuspitzt, also die Frage, wo die menschliche Individualität ihre wirksame Entfaltung finden kann – die Frage nach dem guten Leben, da begegnen wir uns. Und treten in Verhandlung. Macht und Ohnmacht. Autokrat und Radfahrer*in.  Das Denken und Fühlen des Willenlebens reißen das gegenwärtige Erdenleben aus dem kosmischen Zusammenhang heraus.

Derweil überholen uns die Roller und heizen das Klima weiter an. Verdrängung der Kinder und der Kranken vom Gehweg durch die kaufkräftigen  gehfaulen Hippsters. Aufgeplusterte Individualität mit stets einem glücklichen Lächeln im Gesicht – ein Strahlen möchte ich meinen. Die Zukunftsfähigkeit ins Gesicht geschrieben. Sechs Monate Lebensdauer sollen die E-Scooter durchschnittlich haben, in manchen Großstädten liegen sie schon nach einem Monat im Graben. Sie gehören einem ja nicht selbst. Mietgut. Booking.com. Habe ich doch nichts mit zu tun. Die Entsorgung ist im Preis mit inbegriffen. Sieben Stunden Aufladen sind erforderlich, damit ein paar selbstgefällige Tagestouristen unabhängig von öffentlichen Verkehrsmitteln sich fortbewegen können und weiter mühelos von A nach B kommen. Alles was es braucht ist eine App auf dem Mobiltelefon. Und dann gehört dir die Stadt. Genießt das Leben. die Freiheit der Kaufkraft. Das Konto. Der Kredit. Mit Anschluß an das Land hat das nicht viel zu tun. Die Zukunft liegt in der Stadt. Gedankenlose Unachtsamkeit treibt den Konsumismus weiter voran. E-Scooter laden zu einer Abkehr von CO2-freundlichen kommunalen und körperlichen Bewegungsformen ein. Die Hälfte der User hätten sich andernfalls nämlich auf zwei Beinen fortbewegt. Darüberhinaus ist die Produktion alles andere als umweltfreundlich und verschlingt enorme Mengen Energie. Die wahren Umweltschäden entstehen dabei durch den Abbau der erforderlichen seltenen Erden, die Transporte und die Produktion, die an den schnell wachsenden Industriestandorten Chinas und Indiens erfolgt. Und von Inklusion sowieso keine Spur. Mal abgesehen von dem Unfallpotential, das mit dem so rasant populär gewordenen Fortbewegungsmittel einhergeht.

Wir werden Klimaanlagen bauen. Ich befürchte es. Es sei denn uns trifft der Schlag und der Strom fällt aus für ein paar Tage. Wenn dann im Kühlschrank der Schimmel das Regime übernimmt und wir festsitzen an Bahnhöfen. Wenn die Startbahn schmilzt und die Urlauber nicht mehr von ihren Zielen zurückkehren, weil der nächste Flug entfällt. Wenn die Versicherung nicht mehr zahlen will und Bargeld seine Kaufkraft verliert. Der Kartenleser versagt und der Barcode wird ignoriert. Dann kommt es darauf an, dass wir unsere Kontakte gepflegt und gute Beziehungen haben zu denjenigen, die Vorräte lagern und Verfügungsrechte über Boden vorweisen können. Wenn die Mobilität zusammenbricht, dann zählt die Immobilie. Wenn der Markt nicht mehr ist, dann gilt was sich produzieren lässt. Ob uns ein solcher Hitzeschlag ereilt oder nicht? Wer kann das schon sagen. Aber, dass wir darauf vorbereitet wären oder uns irgendwie heute schon mit der Resilienz unserer Städte befassen würden, davon lässt sich derzeit nicht wirklich etwas erahnen. Bliebe also letztendlich doch nur die Frage, wen er denn treffen könnte – der Hitzeschlag. Nun – wir sind dieses Jahr noch nicht vom Fahrrad gefallen. Und schon 30 km vor den Toren der Stadt, das habe ich begreifen dürfen, gibt es Ressourcen. Auch wenn diese endlich sind und die Wälder sterben, wenn die Artenvielfalt in erschreckender Weise am abnehmen ist und die genetische Vielfalt bei Nutztieren und in der Pflanzenproduktion bedauerlich gering ist. Und wo noch immer unzählige Flugkörper über unsere Köpfe hinwegziehen und die Straßenräuber und PS-Ritter ihre Vormachtstellung hupend und aufbrausend demonstrieren.

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