Abgang

In Vermächtnis steckt das Wort Macht. Auch wenn die Tote erstmal machtlos scheint, weil der Mensch selbst erst mal weg ist. Doch das Recht zählt. Das Recht der Toten über das der Lebenden. Das Erbschaftsrecht und das Testament.  Wenn was zum Vererben da ist beschäftigt das die Nachwelt noch eine zeitlang. Bisweilen werden Profis mit hinzugezogen. Nachlassverwalter und Notare verdienen gut mit den Hinterlassenschaften anderer. Am Aufräumen beteiligen sich aber manchmal mehr, manchmal weniger gerne auch die Wohnungsauflöser. Und nicht zu vergessen die Bestattungsinstitute. Wie männlich ist das Geschäft mit dem Tod? Nachdem die Pflege vornehmlich den Frauen überlassen wurde. Verwaltung männerdominiert, Rechte bedächtig in Frauenhand übergehend. Wir sterben. Manchmal mit 80, manchmal schon früher. Mugabe ist jetzt 95 Jahre alt geworden. Immer diszipliniert. Andere schaffen es auch ganz leichtfertig bis weit über die 80. Charlotte ist an einem Mittwoch gestorben. Sie hinterlässt uns vor allem einen Blick für das Detail. Eine Schar Vögel die Futter suchen. Eine Galerie von Fotographien. Sie hinterlässt keine Scherereien. Sie ist nur gerade 80 geworden. Aber sie hat es gut gemacht. Sie hat uns einen bewunderungswürdigen Abgang  vorgeführt. So bleibt sie uns in Erinnerung, bleibt uns erhalten, auch wenn die sterbliche Hülle nun nicht mehr durch den Garten spaziert. „Das Glück besteht darin, zu leben wie alle Welt und doch wie kein anderer zu sein“ Simone de Beauvoir.

Abschiede können schmerzen. Es gibt aber Schmerzen, die sind sicher schwerer zu ertragen. Und wenn keine anderen Mittel mehr helfen, dann sollte die Patientenverfügung möglichst schon frühzeitig auf den Weg gebracht worden sein. Zusammen mit Betreuungsverfügung und Vorsorgevollmacht wird der Abgang vorbereitet, Schritt für Schritt, bis hin zur Aufgabe der Verantwortung für sich selbst und der Erteilung einer Generalvollmacht. Im Falle eines bevorstehenden Endes, eines schleichenden Abgangs, einer wachsenden Unsicherheit. Das wird verdrängt – aber mitunter ist es zu spät, seinen Willen in Worte zu fassen und seine Erkenntnis und Selbstbestimmung an Dritte zu übertragen, sich auszuliefern oder sei es auch nur zu überliefern. Zu entscheiden und dann zu vertrauen, dass alles gut kommt. Wir hatten zum Glück schon vor der Alzheimer-Diagnose eine Vollmacht aufgesetzt. Damit war unser Wille notariell beglaubigt. Und die Ärztin war mit einbezogen. Aber haben wir an die Generalvollmacht gedacht? Und die Generalvollmacht von einem Notar beurkunden lassen? Um Rechtsrisiken auszuschließen? Mit einer Generalvollmacht befähige ich eine andere Person, in meinem Namen alle Entscheidungen zu treffen und Handlungen vorzunehmen. Ich übertrage die Entscheidungsbefugnis damit an eine andere Person. Ich gebe meine Selbstbestimmung auf. Mal abgesehen von  höchstpersönlichen Dingen, wie Eheschließung oder dem Verfassen eines Testaments. Dieser Anspruch kann nicht übertragen werden. Eine Vertretung ist ausgeschlossen.

Wieviel Regelwut ist gut? Und wem dient sie? Und wie weit kann ich meinen Abgang im Geiste inszenieren und exerzieren. Dass ich im entscheidenden Augenblick nicht zurückschrecke und mich klammere an mein Leben und die Mühsal. Den körperlichen Schmerz im gegenwärtigen Bewußtsein weiter zu ertragen wähle, wo doch das Paradies mich willkommen hieße. Eingehen in die ewigen Jagdgründe des großen Manitu ist doch keine Strafe sondern ein Fest. Die Augen schließen können und den Atem anhalten, wenn der Augenblick gekommen ist. Lass mich bloß nicht durch Maschinen vom Übergang abgehalten werden. Ich wünsche mir keine lebenserhaltenden Maßnahmen. Gib mir Schmerz- und Betäubungsmittel, versetze mich in einen Rausch, den ich noch nicht kenne, aber verkabel mich nicht mit Apparaturen und bau mir kein fremdes Herz ein. Was lassen wir uns diese ganze Industrie des Lebenserhaltes doch an Ressourcen kosten. Da beklagen wir die Überbevölkerung und peppeln die Hochbetagten weiter durch. Offen darüber sprechen ist ein Tabubruch. Unser Leid und unseren Schmerz pflegen wir lieber ganz privat und im Geheimen. So wie unseren Kontostand und unser Einkommen. Wir sind uns selbst so wichtig, dass wir alle anderen über Bord gehen lassen würden und verstecken uns unter Deck. Herzliches Beileid. Dazu lassen wir uns noch hinreißen. Und zu einer gediegenen Karte Mitgefühl. Aber nicht so richtig feste feiern mit Dixieland und Lichterfest. Wurde abgesagt wegen Unwetter. 30.000 Menschen mussten wieder nach hause gehen. Aus Sicherheitsgründen.  Am 31. August starb dann auch noch Immanuel Wallerstein. Begründer der Weltsystem-Theorie. „Rasse, Klasse, Nation. Ambivalente Identitäten“. Mit 88 Jahren. „Es sind niemals ursprüngliche Gemeinschaften, und von daher dient jede historische Beschreibung ihrer Struktur und ihrer Entwicklung durch die Jahrhunderte hinweg notwendigerweise einer Analyse der Gegenwart“.

Das Recht der Toten. Von Notaren und Rechtsanwälten verteidigt. Einkommenschaffende Maßnahme von Kanzleibeschäftigten. Und Leid der Nachkommenden. Sollen doch die Lebenden über die Hinterlassenschaften bestimmen. Sie sollen wissen was gut und richtig ist. Was mit dem Körper geschieht und mit dem Tand. Was die Schriften und Bände, den Schmuck und die Wände anbelangt. Zurück an die Gemeinschaft der Lebenden können die materiellen Güter gehen. An die Gesellschaft und nicht an die Nachfahren. Verteilt unter die Armen. Private Habseligkeiten, Erinnerungsstücke, Tagebücher und geistige Werte verbleiben im Familienbesitz, sind ein Vermächtnis. Die Ungleichverteilung basiert zu großen Teilen auf dem herrschenden Erbschaftsrecht. Eigentum wächst über Generationen. Grundbesitz und eine komfortable Ausstattung der Wohlgeborenen bringt Erben in eine vorteilhafte Position gegenüber den Habenichtsen. Der Überlebenskampf beginnt früh, wenn dir nichts hinterlassen wird. Im Gegensatz zu denen, die gefüllte Konten, und üppige Güter als Sicherheiten vorweisen können musst du vielleicht erst noch ein Häusschen bauen, dir deine Ausbildung erarbeiten und um dein Überleben ringen. Wenn die Eltern schon nichts hatten. Bleibt den Nachfahren nur noch die Bestattung. Und die kostet auch noch was. Ist also kein Spass. Nur noch mehr Verantwortung. Und wenn dann die Toten auch noch Wunschlisten hinterlassen, dann bist du schön blöd dran. Es sei denn du erlebst doch noch eine Überrasschung.

Schwer sind die Zeiten des Übergangs. Ungewiss der Augenblick der Entmachtung. Und wenn du große Kunst hinterlässt wie Jörg statt fulminante Materialschlachten wie Ai, dann wird dir auch der notarielle Beistand entsagt. Schonungslos fallen die Freunde von dir ab, wenn du außer Geist keine Materie zu bieten hast. Da verengt sich die Welt und die Wahlmöglichkeiten nehmen ab. Lebenserhaltung wird zum Prinzip. Gesundheit eine Pflicht. Denn was soll mit mir passieren, wenn ich alleine bin und keine Hilfe annehmen möchte. Wie komme ich zu Nahrung, wenn mich mein Körper im Stich lässt. Wie schütte ich Kohlen in die Glut, wenn ich die Bricketts nicht mehr tragen kann? Was ist, wenn mich Frau und Kinder verlassen? Wo ist der Ausgang, wenn ich stets weiter eindringe in das Haus meiner eigenen Geschichte und mich die der anderen schon lange nicht mehr interessiert? Mein Selbst blickt zurück statt nach vorn, denn die Zukunft macht mir Angst. Meine Nächte werden lang, weil ich will sie nicht mehr feiern. Meine Zunge klebt am Gaumen und ich möchte trinken. Die Enkel spielen im Garten, die Kinder machen Urlaub auf Jamaika, die frühe Liebe liegt im Krankenhaus und kann sich nicht mehr rühren. Manch ein Freund ist von mir gegangen. Wenn ich auf der Parkbank sitze zähle ich die, die schon mehr Jahre auf dem Buckel haben als ich – und es werden immer weniger. Ich gehöre zu den Alten. Im Abschied nehmen habe ich Erfahrung. Doch wer spendet mir noch Trost, wenn es so weit ist. Wenn mir Tabletten und Tröpfchen nicht mehr reichen. Wenn die Einsamkeit mich umschließt und es dunkler und dunkler wird. Dann wird es Zeit, den Abgang anzutreten. Eine Kunst ist das. Von mir zu lassen. Ohne etwas zurück zu lassen. Im Abschied verweilen. Die Augen zu schließen. Ein letztes mal, auf Wiedersehen.

 

 

 

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