Selbstbestimmt

Nichts ist heutzutage wichtiger als selbstbestimmt. Selbst und ständig. Von selbständig zu voll umfänglich selbstbestimmt. Bestimmt. Aber ehrlich und dauerhaft, von früh an und bis zum Tod. So was von selbst. Auf sich gestellt. Alleinerziehend. Allein verantwortlich. Voll und ganz sich selbst überlassen. Selbstbestimmt gelassen und kein Stück weiter gekommen. Und da reden wir von Gesellschaft und von Gemeinschaft. Von Zusammenhalt und Gegenseitigkeit, von Commons und Genoss*innen. Wie driften die Weltbilder doch auseinander – zumindest semantisch und auf der Betrachtungsebene der geäußerten, versprachlichten Erwartungen. Selbstbestimmt bis ins hohe Alter. Dafür sollen dann die anderen Sorgen. Vom Eigenheim zur Lebensversicherung, über die Erbschaft und die Immobilie bis hin zum betreuten Wohnen im Alter. Bestimmt unter Berücksichtigung der Bedürfnisse aller anderen. Aber zuerst mal ich und meine Sorgen und Nöte. Um den Rest dürfen sich der Staat und die Vereine kümmern. Und da lassen wir mal die Frage  nach den Rechten auf Nahrung und Bildung, auf soziale Teilhabe und das Dach über dem Kopf der anderen. Da geht es mir ausschließlich und erst einmal in aller Deutlichkeit um die Selbstbestimmung und meine Lebenserfahrung.

Immer älter wollen wir werden. Mit Hormonen und mit Genmanipulationen, Gesundheitstrends und Ernährung, mit Wellness und Vorsorgeuntersuchung, Hüftgelenken und Gehhilfen, Vitaminen und Herzschrittmachern. Ein Markt sondergleichen, der vor Organhandel nicht zurückschreckt und schon weit über Frankensteins geplünderte Gräber hinausgeschritten ist. Wo auch immer die aus Sinai stammenden Organe landen mögen, sie bilden einen Teil des Geschäftes mit der Armut. Die Not der Migrant*innen auf der einen, die Ansprüche der alternden Gesellschaften auf der anderen Seite. Menschenwürde als Rechtsanspruch. Das Recht immer wieder auf Seiten der Besitzenden, die nicht loslassen wollen und nicht können. Es ist ja auch nicht einfach. Verzicht zu üben. Sich aufzugeben. Die Selbstbestimmung abzulegen und die anderen über das Wohlergehen befinden zu lassen. Es ist geradezu unmöglich eine vertretbare Position zu ergreifen, denn was bleibt uns anderes als dankbar zu sein? Dankbar für die Gesundheit, für die Kraft, für den Status, für die Rente und unsere Vorsorgeversicherung. Wir wissen, dass gute Ernährung und frische Luft, ein vielfältiges soziales Umfeld und eine gute Bildung sich förderlich auswirken auf unsere Gesundheit und den Alterungsprozess langsamer vonstatten gehen lassen. Das mag tröstlich sein. Doch sollte uns das nicht dazu verleiten, die Erwartungen stets noch höher zu schrauben. Kann sein, dass es irgendwann auch mal genug sein darf und ein Ende der Freiheit des Individuums gesetzt sein will. Irgendwann tritt das Wohl der Einzelnen auch mal zurück hinter das der Gemeinschaft. Dazu muss die Gesellschaft ja nicht gleich maoistische Züge annehmen. Wir können ja noch verhandeln.

Wer den Überblick nicht mehr hat oder nie haben wird hat durchaus ein Leben. Vögel haben Leben und Ratten, Elefanten und Bienen. Schwarze und Weiße, Große und Kleine, Junge und Alte haben ein Recht auf Schutz und auf Leben. Als Massstab sollten aber nicht die Ansprüche einer besitzenden, wohlversorgten, gutbetuchten und abgesicherten Mittelklasse gesetzt werden, sondern die Hoffnungen und Erwartungen derjenigen, die heute in den Hot Spots der Aufnahmezentren rund um das Mittelmeer gestrandet auf eine Bearbeitung ihrer Anträge warten. Wer nicht bis an die Außengrenzen der europäischen Gemeinschaft denken kann, sondern in seinem eigenen Wohlbefinden befangen bleibt, der soll Einschnitte in die Selbstbestimmung erfahren dürfen. Wer Kreuzfahrten bucht und übers Wochende meint mit dem Flugzeug auf eine Shoppingtour in eine Metropole fliegen zu müssen, der riskiert meines Erachtens den Anspruch auf Selbstbestimmung. Wir brauchen nicht auf Spenden zu warten, wir können uns auch so von überfüllten Konten bedienen. Mit über sieben Milliarden Menschen auf der Welt wird es langsam Zeit darüber zu reden, wer welche Anteile am gesamten Ganzen weiterhin abschöpfen darf. Und da kann die jeweilige Kaufkraft uns nicht mehr umfassende Antworten liefern. Irgendwann müssen wir lernen uns selbst einzuschränken oder aber die anderen werden das für uns tun. Und so sehe ich das, wenn die Alten einen immer größeren Anteil unserer kollektiven Ressourcen verbrauchen und das mit einem Anspruch auf Selbstbestimmung begründen. Für mich ist das Egoismus pur und widerspricht unserem Gesellschaftsvertrag.

Nichts gegen Egoismus. Ein bisschen Selbstbewußtsein ist schon nicht verkehrt. Es hilft zu überleben und ist ein Teil unseres Erwachsenwerdens. Ohne Reibung kein Feuer, ohne Gegensätze keine kreative Spannung. Im Stich gelassen werden wir sowieso früh genug. Enttäuschung ist grundsätzlich vorgesehen.  „Zur Freiheit verdammt“ sagte Sartre und erfährt sich als in eine Welt ohne Sinn geworfen.  Absurd, zu wissen, dass wir sterben werden und trotzdem einen Lebenswillen besitzen. Gerade deshalb, und weil die Grundlage für absolute Gleichgültigkeit Ausgangsbedingung und Gemeinsamkeit ist, sollten wir der Existenz einen Sinn verleihen: Der Mensch schafft sich einen eigenen Lebensentwurf und kann sein Dasein selbst gestalten. Da zählt nur die Bereitschaft, den Streit aufzunehmen. Wofür? Warum? Was heißt denn Klima bitteschön? Wenn Menschen im Mittelmeer ersaufen. Wenn Frauen in Lampedusa vergewaltigt werden? Wenn arbeitswillige junge Leute über Jahre hinweg in Auffangzentren in ihrer Aktivität und an der Arbeit gehindert werden? Wer wundert sich, wenn es schließlich doch zu Aufständen kommt? Wie lange dürfen denn die Besitzstandswahrer, Nationalkonservativen und Folkloristen ihre rassistischen und diffamierenden Äußerungen im Internet verbreiten bis dass Denken und die kollektive Intelligenz wieder die Macht ergreifen. Stupider Egoismus, vor allem aber wenn dieser kollektiv mißbraucht wird, wie es dem Faschismus bisweilen und vor allem gefällt, führt stets zum Martyrium, in die Zerstörung und resultiert in Krieg.

Selbstbestimmt statt Fremdbestimmt. Mag als persönlicher Leitsatz eine Orientierungshilfe geben. Ein Rezept ist es nicht. Beides bleibt bestimmt. Und das ist bestimmt nicht gut. Denn nicht das Selbst allein und auch nicht fremd an sich sind uns genug. Wir wollen mehr von beidem, dem Anderen und dem Eigenen dienen. In der Gleichzeitigkeit liegt die Kraft und der Ausgleich der Interessen. Statt Fixierung auf ein Pol, mehr Aufmerksamkeit für die Mitte, auf das Wohl. Wo treffen wir uns und gewähren einander den Raum für das uns zugestandene Gedeihen aber auch das Welken? Wann wird es Zeit uns zurückzuziehen und welchen Respekt erfahren wir? Wenn wir älter werden ist das unsere Bestimmung. Da müssen wir nicht immer noch mehr wollen. Ein Rückzug in den Garten, mit Anstand Haltung wahren und andere gestalten lassen. In Kontakt bleiben aber nicht mehr herrschen müssen. In den Wahlen auch mal für die Zukunft stimmen und nicht nur konservieren oder wie heutzutage immer üblicher durch konsensieren blockieren. Mit Widerständen Meinung machen und Moral zum Motto erwählen. Da lässt es sich leicht kollektiv verlieren.

Selbstbestimmt leben ist so schwammig wie Transparenz schaffen, die freie Meinung sagen oder gewaltfrei kommunizieren. Das weiß am besten wer schonmal versucht hat Gemeinschaft zu definieren. Wer aber der Vereinzelung entgehen möchte, muss sich dem Kollektiv stellen und die Auseinandersetzung wagen. Und da ist lustig schon bald so knapp wie die Bestimmung einem selbst überlassen. Das ist nicht verkehrt. Fördert den wachen Geist und lässt die Elite weiter an sich selbst reifen. Alleinsein ist zwar auch mal nicht schlecht aber auf Dauer sicher weniger gesund als das Ich einer Gruppe anzuvertrauen und die Selbstbestimmung zumindest vorübergehend mal zuhause zu lassen. So ist die Vereinsamung zumindest mal weggewiesen. Der Meister ist noch nicht vom Himmel gefallen. Und entsprechend kann auch in Bezug auf die Mitbestimmung noch viel gelernt werden. Erfahrungen lassen sich am besten beim Üben machen. Abstand nehmen. Rücksicht und Nebenbetrachtung gewähren. Schweigen und immer wieder neu konstruierte Konstellationen erforschen. Mehr oder weniger selbstbestimmt verlassen die einen die Orte des Geschehens und wirken nicht mehr, derweil die nächsten Heranwachsen und auf ihren Augenblick warten, wofür sie bestimmt wurden, falls nicht selbst, dann eben fremd. Dem Ich überlassen.

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