Sparsam

Mit einer Unterhose fing die ganze Geschichte an. Plötzlich da. Ein ganz einfacher Gedanke. Wie ein Blitz. Selbstverständlich und schlicht. Und doch hat es mein komplettes Leben umgekrempelt, zerlegt und wieder neu zusammengefügt. Eigentlich hätte sie in die Wäsche gehen sollen. Zugegeben, über Unterwäsche spricht man eigentlich nicht. Darum dürfte es diese Geschichte auch nicht geben. Aber wie ich mir so meine Unterhose anschaue, da durchfährt es mich, wühlt mich auf, denn ganz unerwartet frage ich mich, warum ich sie nun eigentlich in die Wäsche geben soll. Sie riecht nicht. Der Schritt ist sauber. Keine Urinflecken und Bremsspuren und damit keine Veranlassung sie in die Waschmaschine zu stecken. Ich kann meinen Ressourcenverbrauch unmittelbar und ohne Anstrengung so gerade mal eben um die Hälfte reduzieren. Wenn ich bloß mal Gewohnheiten aufgebe oder bestimmte Handlungen unterlasse. Automatismen, die sich irgendwann einmal so eingeschlichen haben, wie Unterhosen nach einmaligem Gebrauch zu waschen.

Und plötzlich übertrug sich mir dieser Gedanke auf vieles, was mein Leben ausmacht. Jeden morgen zu duschen zum Beispiel. Seitdem das Wasser auf Abruf warm aus der Leitung kommt ist das Brauch geworden. Haben wir jemals so furchtbar gestunken in den Zeiten als wir nur alle paar Tage mal eine Dusche oder uns ein Bad gegönnt haben, weil wir das Wasser erst im Boiler und lange Zeit sogar noch in einem Kohleofen erhitzen mussten? Sicher, unsere Nasen waren weniger empfindlich. Wir rauchten ja noch in Küche und Klo. Heute bekomme ich Juckreiz und Husten vom Deo der Pubers, wenn sie morgens die S-Bahn besteigen. Auch eine Sache, die ich mich entschied sein zu lassen. Deo und Parfum, Seife und Co, viel zu viel davon im Einsatz und Umlauf. Die Hälfte ist auch schon genug. Von der Herstellung über den Vertrieb, über die Verpackung und den Transport bis hin zu den Nanopartikeln und dem Palmöl, dem Silikon und dem Mikroplastik, zu viel davon, nur Balast und Ärger für die Umwelt und die Natur. Sein gelassen habe ich das. Dank meiner Unterhose, die, zerschlissen und verwaschen wie sie da so auf dem Stuhl vor mir lag, mir ganz klar zu verstehen gab, dass ich am Wasser und am Waschmittel, am Strom und an der Zeit, die ich mit in die Maschine stopfen, aufhängen und wieder zusammenfalten verbringen würde, sparen konnte.

Als Schwabe bin ich für derlei Betrachtungen natürlich etwas empfänglicher als sagen wir mal die Rheinländerin, die feiern und Klimbim, Kostüme und Kamelle nicht missen mag. Doch gerade da lohnt sich eine etwas nähere Betrachtung. Ich sage ja nicht, dass ich auf meine Unterhose ganz verzichte. Nein! Unterhosen sind großartig. So auch die Kamelle. Wollen wir doch nicht abschaffen. Aber die Hälfte würde es doch auch tun. Stattdessen wird sie von Jahr zu Jahr mehr, weil es uns ja nicht wirklich schlechter geht sondern eben doch zu einer großen Anzahl besser. Und wem es besser geht, der tut sich schwer im Reduzieren. Stell dir mal vor – Weihnachten – und einfach keine Geschenke mehr – oder halt nur noch die Hälfte. Ganz kleine Geschenke statt großer, länger hinschauen bei einer Sache und die gewonnene Zeit genießen, die man gespart hat beim Einkaufen, Verpacken, Auspacken und Entsorgen. Weniger Zeit für Freude aufbringen und mehr Freude an der Zeit haben. Großzügig das ganze gesparte Geld an diejenigen überweisen, die sich die Kamelle nicht leisten können oder die Ertrinkende aus dem Wasser fischen statt Glühwein schlürfend auf den Weihnachtsmärkten sich zu vergnügen. An Moral zu sparen ist schon auch nicht verkehrt. Zu viel Moral kann nämlich schnell zu Unterdrückung von Emotionen und Scheinheiligkeit führen. Das ist gar nicht gut. Lässt mich aber in der Sauna sitzend wiederum an die freizügige Werbung mit halb entblösten Körpern – vorzugsweise weiblich – für Unterwäsche oder Schlankheitskuren denken. Davon die Hälfte, ich meine von der Werbung, der Größe der Werbeträger und der Standorte. Jedenfalls nie dort, wo Minderjährige verkehren: Werbung. Halb so viel davon!

Vom Fleischverzehr und vom Fliegen wird inzwischen ja schon viel gesprochen. Ein Reiseunternehmen weniger und eine streikende UFO haben bislang noch nicht dazu geführt, dass die geflogenen Kilometer und Check-Ins merklich abnehmen. Im Gegenteil. Hocheffizient, unheimlich sicher und günstig reist das Volk auf und nieder, starten und landen die düsenbetriebenen und geflügelten Personenbeförderungskabinen über unseren Köpfen. Immer mehr Menschen leben in den Städten und migrieren temporär hin und her von Liebesnest zu Vernisage, Messegelände zu Großraum-office, von Wohnsitz auf dem Land zu Ferienhäuschen am Meer, Zweitwohnung in der Stadt und Wohnmobil auf öffentlichen Fahrradwegen stehen gelassen. Lass doch einfach mal jeden zweiten Flug sein und reduziere deinen Umweltverbrauch damit schlagartig um die Hälfte. Von der Vielzahl zur Einzahl, von der Masse zur Klasse, von der Wirkung zum Nutzen, reduziere.  Wie teuer soll es denn erst noch werden, bevor der Otto Normalverbraucher und leutselige Durchschnittskonsument auf den Zweitflug verzichtet? Oder kompensierst du schon und lässt Bäume für dich pflanzen? Ab wann werden wir, die wir uns das Fliegen entweder nicht leisten können oder aber aus irgendwelchen irrsinnigen Nachhaltigkeitserwägungen heraus darauf verzichten, entschädigt für die Belastung der Luft, die wir atmen müssen und den Lärm, den wir zu ertragen haben. Ob in den Bergen oder an der See stets steigen Flieger auf und zeichnen Dunststreifen an den Himmel und senden ihr unsägliches Donnergrollen zum Boden.

Als ich schließlich auf die Idee kam zum Bäcker eine Brottasche mitzunehmen und auf die Papiertüte zu verzichten, schärfte sich meine Wahrnehmung weiter. Die Plastikverpackung der Klopapierrollen wurde zum Einkaufssack. Bestens geeignet für Salate, weil nämlich groß und verschleißt nicht so schnell wie der dünne Plastikbeutel, den man an der Gemüsetheke bekommt und demnächst sogar bezahlen soll. Schon tobt ein Disput, ob Plastik oder Papier und was nun unter welchen Bedingungen ökologischer ist. Ob Glasflasche oder Tetrapack? Wieviel Transportkilometer? Mit welchem Transportmittel und für wieviele Tage zwischengelagert, gekühlt, behandelt, konserviert. Ist das gesund? Kann das noch gefahrlos gegessen werden? Darf mein Beutel über die Theke wandern? Welche Keime werden wo übertragen? Welche Lebensmittel müssen entsorgt werden? Meine Unterhose hat es mich wissen lassen! Einfach weniger oft waschen, mehrmals gebrauchen. Nicht immer gleich wegschmeißen. Und halbsoviel von allem. Erdbeeren nicht im Winter essen, frische Stangenbohnen nicht um den halben Globus fliegen lassen sondern nur die aus der Umgebung essen. Wenn sie reif sind. Aber das muss man halt wissen. Und wer weiß das schon – heute noch. Keine halben Sachen machen mögen manche sagen. Ich behaupte das Gegenteil. Nur halb den Berg hoch, nur halb so schnell fahren, nur halb so viel Urlaub machen und nur halb so viel essen. Das würde unserem Zusammenleben schon ganz gut tun.

Statt Vielzahl und Auswahl lieber Freizeit und Wohltat. Heute ist Freitag statt für Zukunft. Halbzeit und weniger von allem was wir Wohlstand konzentriert auf eine kleine Gruppe von Besitzenden zum Status Quo erklärt haben. Vererbt den Schnickschnack, die ganze Kulisse, die Ansprüche und Rechte, halbiert könnten sie Milliarden Menschen eine Aussicht auf Teilhabe gewähren, Bücher und Bildung, Gesundheit und Sozialversicherung. Doch was der Bürger erworben hat ist erklärtermaßen sein, der Wohlstand ist verdient und wird vom Staat beschützt, auch wenn der Raub schleichend stattgefunden hat und ein paar wenige Menschen heute sich die Hälfte aller Ressourcen, Ländereinen, Jahresgehälter, Industrien, Ölvorkommen, Goldminen und Renditen angeeignet haben. Wir geben uns mit unseren Urlauben zufrieden, fahren Ski, oder Mountainbike, gehen Sportstudio oder kaufen uns Handtaschen, ein Eigenheim, eine Lebensversicherung und ein Elektroauto gefördert mit €6.000,-. Jetzt haben wir zwei Autos und doch nur einen Stellplatz, können noch billiger noch mehr Kilometer fahren und das sogar mit gutem Gewissen. Unterhose. Waschen.

Halbsoviel ist ein echt super Rezept. Nur beim Bier fällt mir das schwer. Und so mag jede/r seine ganz persönlichen Schwächen haben, an denen zu arbeiten sein wird. Denn was wären wir, wenn wir keine Fehler hätten. Biedermänner und Frauen, mit dem Herz auf dem rechten Fleck und zur Mission berufen, mit der Wahrheit gesegnet und satt qua Stand oder Geburt, Bio ohne Gleichen, unerkannt aber gut vernetzt, sozial mit Gleichgesinnten auf Augenhöhe und selbst sich gefallend, grandios generös, gut, geachtet, gerecht und geschmeidig. So was von Identitär und National, dass halbsoviel davon schon unerträglich wäre. Die braune Unterhose wird sofort gewaschen.

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