Heim@t Reise

Woher ich komme. Wohin ich gehe. Bin zuhause. Gehöre mir. Gegenüber ist Pablo Wendel geboren. Marie hat hier gelebt. Die Kühe stehen schon lange nicht mehr im Stall. Milch gibt es stattdessen beim Aldi. Das hat mit mir aber so viel zu tun wie Afrika. Ob Berlin oder Chinhoyi, Roermond oder Bla, irgendwie bin ich überall zuhause, bleibe, solange es Brot gibt und gehe, wenn mich keiner mehr leiden kann. Was eint uns Menschen und bildet den Kitt? Kulturelle Ereignisse oder gemeinsame Erinnerung, geheimnisvolles Ritual, ein Glaubenssatz? Nehme ich dir dein Heimatgefühl, weil ich mich auf einem Teppich niederknie und ‚gen Mekka bete? Muss ich katholisch sein, um dazuzugehören? Wer sind „wir“? Die Gesellschaft von morgen. Der Begriff „unsere Gesellschaft“ oder „wir“ ist ein Konstrukt, das sich nicht automatisch mit Kultur, Nationalität oder staatlichen Grenzen deckt. Begriffe gleiten uns wie leere Hüllen aus der Hand. Welche Hautfarbe wäre dir am liebsten? Was sagt die DNA. Alter Mann, greise Frau, junges Ding, Dude, Sugger Daddy, Homo erectus. Bin unterwegs, weiß nicht wohin. Werde gehen, nach den Sternen ist mir der Sinn. Habe gehört, wir kämen vom Mars und sehnten uns dorthin. Zurück zum Ursprung, zur Quelle, wo alles begann.

Der sesshafte Lebensstil herrscht vor, ist viel mehr die Regel als wie du vielleicht meinen magst. Und doch schwemmt es Migrant*nnen an den Strand. Mutmaßliche Migrant*nnen, heimat- und sittenlos, unterlegene Rassen, sollten ferngehalten werden: Mal waren es chinesische Arbeitskräfte, mal jüdische Flüchtlinge, junge Männer nordafrikanischer Herkunft, Wanderarbeiter, Vertriebene. Etnopluralismus findet in einer multipolaren Welt kein zuhause. Kolonialisten verlassen ihre Heimat auf der Suche nach neuem Land oder frischen Sklaven. Ist doch kein Verbrechen. Ist nur Geschichte. Geschrieben von den Herrschenden. Die Heimat verlassen kann ein Privileg der besonders wohlhabenden und gut vernetzten Menschen sein, die oftmals als erste gehen. Vor allem wenn der Wasserspiegel steigt. Den Privilegierten mit den Pässen und Visa in den Taschen folgen die Kräftigen und Qualifizierten. Oder machst du dich bedenkenlos auf den Weg, Hauptsache weg von Pest und von Cholera, Abstand gewinnen von Mördern und Vergewaltigern. Der Preis, den Schlepper verlangen, um eine vierköpfige syrische Familie von Libyen nach Nordeuropa zu bringen, kann durchaus mal €30.000 betragen. Da möchte man nicht tot auf dem Strand aufgefischt werden, sondern ein neues zuhause finden. Heimat ist ein hohes Gut, das geschützt sein will. Hohe Zäune werden aber keine Heimat erhalten oder retten. Heimat geht hervor aus Geborgenheit und wächst nicht auf Widerstand, erblüht in der Liebe und ertrinkt in Macht. Verteidigung bringt Heimat zum Einsturz. Heimat muss offen sein für Gäste, Platz bieten für eine wachsende Familie und voller Leben. Ansonsten wird die Heimat zu einem Gefängnis, einer Arena von sich gegenseitig zerfleischenden Gladiatoren, eine vergammelnde Konserve.

Die Heimat ist eine Reise wert. Wenn die Eltern noch leben und Familie etwas mit Heimat gemein hat. Das muss nicht unbedingt und bei allen der Fall sein. Wenn die Alten nämlich unbelehrsam und rechtes Original sich mehr vom Nationalismus angezogen fühlen als dem idealisierten Universalismus mittelständischer Linken. Wenn die Eltern Weltoffenheit für ein snobistisches Anliegen kleiner, urbaner Minderheiten und sich als Gegner der Globalisierung für mehrheitsfähig halten, dann ist mir das selige Heimatgefühl sehr schnell vergangen. Dann suche ich meine Heimat eher im Dschungel und verlege meine Geburt an einen stillen Ort in der Fremde, mit Kokosnüssen und Affen unter tropischem Himmel. Umgeben von Landlosen und Indigenen, von Analphabeten und Wanderhackbauern. Wo vielleicht noch niemand etwas gehört haben mag von Heimat und Gemeinschaft, Friedhofsruhe und Kartoffelacker. Wo Freiheit durch Unwissenheit und Glück aus Demut erwächst. Ach, was muss ich doch immer aufs Neue Brände entfachen und Dissonanzen erzeugen? Im eigenen zuhause schüre ich Feuer wie Breitbart’s Desinformationskampagnen und zermürbe die Nachbarschaft als sollten sie wie ACORN bluten. Ich politisiere und polemisiere, provoziere und präjudiziere, partizipiere und privatisiere als wäre die Krise mehr Chance als Gefahr. Als Wegbereiter eines sozialistischen Universums hetzte Mao Menschen gegeneinander auf. Wer sollte es ihm gleichmachen wollen. Bis mich mein Nachbar verjagt. Bis ich mich assoziiere mit den Rohingya oder Tutsi, Roma oder Kurden. Wie mag das sein, wenn einem der Lebensraum entsagt, einem das Sein was man ist in Frage gestellt wird? Wie gewaltfrei muss einer kommunizieren damit wir selig in den Schlaf der Gerechten fallen und von Dissoziation und technologischem Futurismus träumen können?

Bekommt Handke einen Nobelpreis für Literatur zuerkannt für seine Kritik an Sprach- und Bewusstseinsschablonen. Mutter Slowenin aus Stara vas. Befasst er sich mit Entfremdung zwischen Subjekt und Umwelt. Langsame Heimkehr machte ihm in besonderer Weise zu schaffen und beschert ihm eine bedrohende Krise seiner schriftstellerischen Laufbahn. Verzweiflung beim Schreiben. Kenne ich. Loslassen von der alten Welt des Kapitalismus. Ankommen im Reich der gesegneten Commons in Verbundenheit mit Mensch und Natur. Bedürfnisse befriedigt und Verbundenheit geschaffen. Alt wie die Menschheit und modern wie die neueste Software. Überall präsent – das „Gemeineigentum“. Viel zu verkürzt, also etwas länger: „Commons sind lebendige soziale Prozesse, in denen Menschen selbstorganisiert ihre Bedürfnisse befriedigen“. Verstehe ich nicht. Muss ein Traum gewesen sein.  Homo sapiens taucht auf in Afrika, etwa 150.000 Jahre ist das her. Schleicht sich von Ausschluß, zu Verhinderung und Prohibition Act bis zu Matrix in 1999. Während der Schurke eine Krise für das Opfer verursacht, interveniert die Retterin und handelt den Wandel herbeiführend, Konsens herstellend, intervenierend, die Gelegenheit nutzend, erkennend, dass etwas geschehen muss. Was also könnte Schlimmeres passieren, wenn wir uns nicht mehr einem neoliberalen Glauben an die Unendlichkeit des Wachstums hingeben. Wohin sollte denn die Reise noch führen? Wieviel Heimat wollen wir uns erhalten damit wir weiter mit dem Porsche Cayenne direkt vors Fitnessstudio fahren wo die Warnung doch berechtigt war – 2050 ist doch alles zuende.

Ein Volk ohne Staat mag besser sein als ein Staat ohne Volk. Und wenn schon um Wüsten gerungen wird was ist dann zu erwarten wie es fruchtbaren Böden und lieblichen Landschaften ergehen mag. Wenn große Mächte auf den Plan treten, dann haben Kurden und Palästineser, Uiguren und Touareg nichts mehr zu sagen. Mögen sie über Selbstbestimmung debattieren und Gebietsansprüche kundtun. Die Heimat ist am bluten. Zum Gedenken an die Freiheit stünde fortan schlicht eine freie Fläche. Hoffnungen und Sehnsüchte auf Freiheit und Anerkennung werden zu Grabe getragen. Da können Handke und Stanišić um Auszeichnungen und Preise streiten, das werden Erdogan und Putin überhaupt nicht registrieren. Im Untergrund lebt die echte Globalistin, die Wasserfledermaus und schert sich wenig um die Grenzen wiedervereinigter oder zerschlagener Reiche. Von Japan bis nach Irland. Jugoslawien mag ein sozialistisches Experiment gewesen sein, um aus verbrannter Erde und kleineren Republiken einen Staat zu schaffen und bildet heute einen wunderbaren literarischen Nährboden für die Bearbeitung der Themen Herkunft und Heimat. Respekt und Dank gebührt Saša Stanišić, der mit frischem Blick und neuem Schwung ein Wörtermeer flutet und Geschichtenberge auftürmt.

„Von Heimat sprechen sie selten. Wenn, dann meinen sie keinen konkreten Ort. Heimat, sagt der Weltenbummler Mo, ist dort, wo man sich am wenigsten vornehmen muss.“ Heimat, sagt Saša, ist das, wovon er gerade schriebe. Heimat, sage ich, ist, wo ich gerade sitze. Oder stehe. Oder gehe. Es sei denn ich werde vertrieben. Bin auf der Flucht. Und ich spreche von Herkunft oder Abstammung, von Geburtsort und von den Sternen, die meinen Aszendenten bezeichnen. Ferne Länder, andere Kulturen und neue Erfahrungen. Die große weite Welt und ein unstillbarer Wissensdurst erfüllen das Leben, dessen Sinn erforscht sein will. Die Gemeinsamkeiten und das Verbindende der Menschen, nicht die Differenzen. Einschränkungen akzeptieren, auch wenn das große Ganze im Widerspruch steht. Für Frieden und Mobilität. Im Paradies der Ausnahme auf Zwischenstation in einer beunruhigten Welt.

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