Das hat aber lange gedauert, bevor es endlich so weit war. Es nicht zu wollen war schon Hindernis genug es dann doch zu tun. Es hätte auch nichts an der Tatsache geändert, dass es überhaupt nicht nötig gewesen wäre, es niemand helfen wird, niemand wird helfen, keine Geschichte verändern, die Geschichte verändert sich nicht, außer der eigenen Unvollkommenheit einen Haken schlagen und etwas produzieren, das auch nicht nötig gewesen wäre, nicht gebraucht wird, sondern einfach wie so vieles andere nutzlos im Netz steht. Und du schaust es dir an, liest dich hinein, kannst dich mal wieder fragen, ob die künstliche Intelligenz das geschrieben oder ein echter Mensch seine Zeit damit verbracht hat, Buchstaben aneinander zu reihen. Suchst du Nachrichten, dann bist du fehl am Platz. Willst du Geschichten hören, könntest du enttäuscht werden. Hast du Unterhaltung und Spaß erwartet, solltest du nicht kostenlosen Angeboten nachspüren. Schraube deine Erwartungen herunter, verzichte gänzlich, lass dich überraschen und folge den Spuren derjenigen, die schon vor dir den Urwald durchkämmt haben, sperre Ohren und Augen auf, ohne dafür ein Konzept zu benötigen, eine Handlungsanweisung, eine Strategie, eine Landkarte.
Verzichte auf Wegbeschreibungen, Schilder, Dienstanweisungen, Verrechnungsnummern, Verwendungsnachweise, auf Ansprüche und Kostenerstattung. Lass es mal los, lass die anderen weitergehen und biege ab, entscheide dich für links statt für rechts, aber verlasse den Weg jetzt. Lass das Auto stehen und auch das Fahrrad. Geh‘ zu Fuß ins Büro, zum Einkaufen oder zum Sport und verzichte auf alles, was du nicht tragen kannst. Was du heute nicht kaufst, kannst du morgen besorgen. Der Augenblick ist gekommen, nicht zu entscheiden, sondern zu tun. Nichts tun ist gut. Weniger ist mehr. Weniger Alkohol, weniger Fett, weniger Zucker und weniger Sport. Heute machst du dich nicht fit! „Friss die Hälfte“ – spar dich gesund und diskutiere nicht mit den Kolleg*innen darüber, was nun gut oder besser sein mag und wie lange du brauchst oder ob ihr euch morgen nochmal treffen solltet. Lichte den Kalender aus und verzichte auf ein weiteres Meeting. Die ganzen guten Gründe und Vorwände, warum etwas passieren muss, nicht liegenbleiben kann, unbedingt zu erfolgen hat, damit sich das Projekt realisieren lässt, werden auch morgen noch Gültigkeit haben.
Was meinst du, warum sich der Bürokratieabbau in der Realität so schwer realisieren lässt? Gestatten wir uns die Frage, wie es so weit kommen konnte, dass wir unser Zusammenleben mit immer mehr und immer detaillierteren Vorschriften zu gestalten trachten? Sehen wir dabei einmal davon ab, dass es natürlich eine hochdotierte Berufssparte und Lobby gibt, die mit der Formulierung, der Präzisierung und der anschließend erforderlichen Deutung von Regeln, Verträgen und Gesetzen sich ein ansehnliches Auskommen gesichert hat und je nach Herkunft und Kompetenz dadurch ein Vermögen zu erwirtschaften und zu sichern in der Lage ist. Von denen möchte keiner verzichten auf das repräsentative Büro, den Kaffeevollautomaten, ein edles Rennrad, ein Eigenheim und noch eine Immobilie zur Absicherung des Ruhestands. Und solange es weiterhin viele Bürger*innen gibt, deren Misstrauen gegenüber ihren Mitmenschen ihre Fähigkeit auf Ansprüche zu verzichten übersteigt, solange werden wir die Bürokratie in ihrem Entstehungsprozess befördern. Und warum gelingt uns der Bürokratieabbau nicht? Hartmut Rosa sagt: „Weil die Situationen, die das Leben produziert, komplexer sind als das, was du mit Regeln konstellativ erfassen kannst. Das Leben lässt sich nicht in Konstellationen pressen. Und deshalb hast du immer eine Ausnahme und immer noch eine Zusatzregel, um die Ausnahme auch noch in den Griff zu kriegen. Und noch eine und noch eine. Aber es reicht nie. Das ist es, was die Bürokratie wuchern lässt.“

Wir wollen ein Mitspracherecht haben, wenn es um den Schutz der Bäume geht, und wollen ein Vogelschutzgutachten erstellt sehen, bevor das brachliegende Grundstück bebaut wird. Den Zielbeschluss zum Bau der Schwimmhalle wollen wir erst fassen, wenn auch sichergestellt ist, dass ein Nachhaltigkeitsgutachten vorliegt und die Bürgerbeteiligung gewährleistet werden kann. Auf Normen möchten wir keinesfalls verzichten, wenn es darum geht unsere Gesundheit zu schützen, die Aufenthaltsqualität und die Sicherheit im öffentlichen Raum per Dekret gesetzlich verankert zu bekommen. Brandschutz, Gewährleistungsfristen, Stornierungsrechte, Rechtschutz wollen verschriftlicht, nachgehalten und überwacht werden von Mietervereinigungen, Behörden, Zertifizierungsstellen und juristischen Abteilungen. Was könnte schlimmer sein als ein nicht eingelöster Anspruch auf Erstattung eines rechtlich zustehenden finanziellen Betrages oder eines Rechts auf Nutzung einer Ressource, die ansonsten mutmaßlich ein anderer hätte nutzen können?
Hast du vergessen deinen Arbeitsplatz zuhause und deine geschäftlichen Abendessen bei der Steuer zu deklarieren? Setzt du deine großzügig geleisteten Spenden nicht von der Steuer ab? Verzichten grenzt an Dummheit oder könnte als Schwäche ausgelegt werden. Wer verzichtet spielt nicht mit, unterwirft sich nicht der herrschenden Doktrin des Kapitalismus, die da lautet: „Mit dem geringstmöglichen Aufwand das größte Stück von der Torte abzubekommen.“ Lieber den Magen verdorben als dem Wirt etwas geschenkt. Wo es Freibier gibt, bin ich stets mit dabei. Von den Schnittchen nehme ich mir noch eines für nachher mit. Wenn es umsonst ist, dann esse ich auch die Salami von Aldi.

Als ich noch jünger war, da wollten wir in den Wald ziehen und mit möglichst wenig auskommen, hatten Kerzen und Gaslampen mit dabei und kuschelten uns abends, wenn es kalt wurde in die Schlafsäcke. Heute ist uns langweilig auf dem Zeltplatz und wir gehen essen oder lassen uns die Pizza kommen, haben Kopfhörer und unsere Smartphones mit dabei, um jederzeit erreichbar zu sein, mitzubekommen, was in der Welt passiert, wie es den Kindern geht, den Freunden oder ob bei der Arbeit wieder etwas Unvorhergesehenes passiert ist und wir zwischendurch doch schnell im Büro anrufen sollten. Loslassen fällt so schwer, tut weh, geht auch gar nicht, denn die Erwartungen sind gesteckt, von den Freunden, den Genossen, der Partei, dem Amt, der Behörde. Immer mit dabei, die App zum Zahlen, um sich auszuweisen, um den Weg zu erkunden, das Ticket zu buchen, die nächste Gaststätte zu finden, den Supermarkt, eine Umleitung, die Fahrplanänderung, die Wettervorhersage und die Unwetterwarnung. Nur wenn ich früh genug gewarnt werde, finde ich den Schutzraum rechtzeitig und muss mir keine Leichtsinnigkeit vorwerfen lassen. Aus Ansprüchen werden Verpflichtungen. Aus Bequemlichkeit entwickeln sich Fesseln. Gefangen in einer Welt der gestiegenen Erwartungen an Sicherheit, an Rechten, Gewohnheiten und Wahrheiten.
„Urteilskraft, Augenmaß und Fingerspitzengefühl sind meine Lieblingsbegriffe“, sagt Hartmut Rosa in einem Interview mit Harald Welzer und Peter Unfried in der Futurzwei und weiter „aber diese Tugenden sind uns nicht einfach gegeben, sie fallen nicht vom Himmel. Sie müssen kulturell eingeübt und erwartet werden. Wir bewegen uns aber in Kontexten, in denen das gar nicht mehr gefragt ist, deshalb brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn wir sie nicht mehr ausprägen.“
Mein Fasten im Frühjahr ist eine Erklärung des Verzichts, der Unterbrechung, der Nachjustierung. Das Ziel besteht darin, die über den Herbst und Winter zugelegten Kilogramm wieder loszuwerden. Auf das Gewicht als solches kann ich nämlich gut verzichten, nur der Weg dahin ist nicht immer ganz so leicht gegangen. Sobald es heißt, auf Kekse und Kuchen, Braten und Bier, Nachtisch und Nutella zu verzichten, sitze ich unter Leuten, die gerade das wiederum als Anlass nehmen, um sich über gute Gewohnheiten und gesundes Essen zu unterhalten. Darauf könnte ich wiederum mit größter Leichtigkeit verzichten, wo meine kulinarischen Ansprüche eh nur in geringem Maße zusammenfallen mit den von Leuten, die im Winter Erdbeeren kaufen, sich von Ananas, Mango und Avocado begeistern lassen, derweil sie Milchschnitten und Überraschungseier aus ihren Handtaschen hervorholen. Mit meinen Ernährungs- und Konsumgewohnheiten könnten sich Nestlé, Müller, Oetker und Tönnies nicht lange halten. Stattdessen müssten wieder mehr Menschen in der landwirtschaftlichen Produktion arbeiten, Felder bestellen, Tiere pflegen, im Einzelhandel arbeiten und Waren abfüllen. So geht Verzicht auch immer mit einer Veränderung einher, ob das die Wertschöpfungskette betrifft oder die Kilogramm Körperfett, die durch den Alltag geschleppt werden müssen. Meine Befürchtung ist, dass mit meiner Geisteshaltung und der Bereitschaft, Verzicht zu üben, kein Fortschritt mehr möglich wäre. Die Wirtschaft würde zum Erliegen kommen, die Produktionsketten in sich zusammenfallen, viel weniger Autos vom Fließband gehen und viel häufiger am Straßenrand liegen blieben. Mit meiner Trägheit und dem Hang zur Verweigerung würde die Menschheit nicht zum Mond gekommen sein, kämen weniger Kriege zustande, würden wir mit Stöcken aufeinander losgehen anstelle von Feuerwaffen und hätte nur ein kleiner Prozentsatz der Deutschen Mallorca gesehen.

Am schlimmsten, befürchte ich, fällt der Verzicht auf Mobilität ins Gewicht. Mal ganz abgesehen davon, dass es den Motorsport nicht bräuchte und das durchschnittliche Kfz auch halb so schwer schon genug Platz einnehmen würde. Kursierte vor ein paar Jahren noch das Wort „Flugscham“, so hat sich das inzwischen wieder gelegt. Wer nicht fliegt, fährt gerne einen Kilometer weiter und besitzt inzwischen ein Campingmobil oder musste sich ein SUV anschaffen, aus sicherheitstechnischen Erwägungen und weil es sich doch so viel angenehmer damit fahren lässt. Wer es sich leisten kann, steigt unterdessen auf Stromantrieb um und erleichtert damit sein Gewissen, noch dazu vor dem Hintergrund, dass ja nicht der Strom knapp ist, sondern lediglich die Ladestationen und der Staat doch endlich liefern soll, damit die Klimawende erfolgen kann. Bordsteinladestationen sind zwar nicht barrierefrei aber doch schon im Kommen. Wenn die Stadtwerke sie selbst nicht betreiben möchte, so gibt es auch eine Anzahl privater Anbieter, die gute Umsätze wittern.
Überhaupt gelingt es uns vortrefflich zu trennen zwischen unserem persönlichen Verlangen nach Abwechslung, Freizeitangeboten, Konzerten und Kulturevents und den Strecken, die wir dafür bereit sind zurückzulegen, ganz unabhängig davon mit welchem Verkehrsmittel und in Verbindung mit Ansprüchen an Infrastruktur, Gastronomie, Komfort und Sicherheit. Ob nun der Zug wegen Baustelle oder Hitze nicht fährt, die Straße gerade wieder verstopft und die Brücke gesperrt ist, der Anschluss verpasst wird oder ein Unwetter die Weiterfahrt verhindert und der Schienenersatzverkehr auf sich hat warten lassen, immer trifft es uns und hat die Bahn versagt, der Gesetzgeber nicht vorgesorgt, die Behörde nicht gut geplant und eine weitere Brücke ist wieder eingestürzt. Dass wir es selbst vielleicht sind, die mit immer mehr Menschen immer häufiger sich auf längere Wege begeben, das kommt uns nicht gleich in den Sinn. Wäre ja auch vermessen zu behaupten, denn welche Studie müsste erst erfolgt sein, um diese Behauptung zu untermauern. „Diese konstellative Logik, dass alles berechenbar, messbar, verlässlich sein muss, die kriegt die Wirklichkeit nicht mehr in den Griff“ sagt Hartmut Rosa.

Fragt Futurzwei den Uwe Schneidewind: “Als jemand, der sich wünscht, dass die Gesellschaft sich in Richtung Nachhaltigkeit weiterentwickelt, welche Erkenntnisse haben Sie gewonnen?“ Der antwortet: „Zentral ist es, die unterschiedlichen Ebenen der Blockaden zu unterscheiden. Da ist der politische Mechanismus dieser Machtpolitik, der Blockaden erzeugt. Da ist dieser Regelbürokratiekomplex, der durch seine eigenen Dynamiken die oft gut gemeinten Absichten am Ende komplett blockiert. Da sind Mechanismen auf einer ganz individuellen, persönlichen, psychologischen Ebene, was in der Gesamtbetrachtung zu einer psychologischen Überforderung führt und die Strategiefähigkeit fast systematisch ausbremst. Und dann, auf der vierten Ebene ist die Gesamtlage, das Sterben handlungsfähiger Kommunen aufgrund fehlender Kommunalfinanzen.“
Ohne die finanziellen Voraussetzungen lässt sich wenig ausrichten. Sicherheit im Verkehr, auf die Bedürfnisse von Kindern und Alten gestaltete Kreuzungen und eine am zunehmenden Fahrradaufkommen ausgerichtete Infrastruktur wäre schnell geschaffen, wenn auf den Gebrauch von Autos verzichtet werden könnte und nur noch ein geringer Teil der Wege mit dem privaten Automobil zurückgelegt werden würde. Die Straßen stünden wieder den Menschen zur Verfügung. Die Aufenthaltsqualität in der Stadt wäre ohne viel Planung und zusätzliche Investitionen möglich, wenn Nachbarschaften das Pflaster aufbrechen und Bäume pflanzen würden, anstatt jede neue Baumpflanzung der ein Stellplatz zum Opfer fallen könnte zu bekämpfen. Nun werden Hitzeaktionspläne gefordert und Schutzräume. In einer Gesellschaft, die bislang von Kälte und Winter mehr bedroht gewesen ist als von Temperaturen über 40°C gibt es Bürger*innen, die sich ein größeres Angebot an klimatisierten Aufenthaltsorten wünschen. Ich empfehle Supermärkte und Kirchen und wünsche mir mehr Aufmerksamkeit für die wirklich schutzbedürftigen Menschen, die als Wohnungslose auf den Straßen leben und ums Überleben ringen. Ich denke an die vielen Regionen in dieser Welt, wo Temperaturen über 30°C nun wahrhaft keine Seltenheit sind und wo der Lebensrhythmus entsprechend angepasst wird. Warum nicht bei sich selbst beginnen und die Erwartungshaltung etwas herunterschrauben? Woher kommt diese Selbstverständlichkeit, mit der Forderungen kundgetan werden und die Schuld einer mangelnden Vorsorge wieder anderen zugewiesen wird? Wieso nicht selbst Lösungen entwickeln? Warum alle Last stets dem Kollektiv aufbürden? Gerade hier wäre Verzicht gefragt, ein bisschen mehr Demut, Rücksichtnahme und letztendlich vielleicht auch ein Angebot: Zum Beispiel die Frage, ob da nicht in der Nachbarschaft ein paar ältere Menschen Wasser benötigen oder vielleicht in den Supermarkt begleitet werden möchten. Ein Verzicht auf den persönlichen Vorteil und auf Ich-Zeit zugunsten der Allgemeinheit. Blickwechsel. Umdenken ist angesagt. Verzicht kann befreien und kostet nichts!