Flugscham

Seit ein paar Wochen verstecke ich mich. Ich lasse mich nicht mehr blicken. Ich schäme mich. Ich bin geflogen. Es gibt dafür keine Entschuldigung. Nein! Es war nicht dienstlich. Es war auch nicht viel billiger als wenn ich mit dem Zug gefahren wäre. Ich hatte mich nur für einen kurzen Augenblick nicht unter Kontrolle. Es war Lust. Das schlichte Bedürfnis meine Freundin zu sehen. Einen Abend mit ihr durch die Parks und die Nachtcafés der Hauptstadt zu schlendern. Sehnsucht nach Gemeinsamkeit, nach Liebe, nach Berührung mögen damit in Verbindung gestanden haben. Ansonsten habe ich nichts, was ich zu meiner Verteidigung vorzubringen hätte. Ich habe kompensiert – doch ja. Der Ablass ist bezahlt. Das Flugzeug war voll besetzt. Es wäre sowieso geflogen. Alleine lässt sich die Welt doch nicht retten. Meine Schuld ist es doch nicht, dass wir diesem Wirtschaftsmodell und diesem Lebensentwurf noch immer unsere Opfer bringen. Warum sollte ich mich schämen?

Dass ich noch Jahre nach der Einführung der Gurtpflicht trotzig auf dem Fahrersitz hinter dem Lenkrad sitze, stets darauf achtend, dass mich die Polizei nicht erwischt. Argumente satt, warum es für mich besser war, unangeschnallt Auto zu fahren. Sogar Beispiele kannte ich von Leuten, die darum nicht verbrannten, weil sie beim Aufprall aus dem Auto geschleudert wurden. Dummheit mag mich getrieben haben. Und ein paar Jahre hat es gedauert, bis ich diese Verhaltensänderung annehmen konnte und ich mich heute ganz selbstverständlich anschnalle, bevor ich den Motor starte. Ich frage mich schon gar nicht mehr, ob es zu mehr Sicherheit führt, oder ob ich den Unfall überhaupt überleben möchte. Aber ich schäme mich nicht, sollte ich es mal vergessen.

Hastig ziehe ich an meiner Zigarette. Es ist nicht kalt. Es windet nicht. Mein Chef steht auch nicht oben am Fenster und achtet darauf, dass ich mich nicht zu lange vom Schreibtisch oder meinem Telefon entferne. Aber ich möchte nicht gesehen werden. Die meissten gehen sowieso davon aus, dass ich schon seit vielen Jahren nicht mehr rauche. Wie peinlich ist das denn. Noch immer nicht vom Schnuller entwöhnt? Noch immer der Sucht erlegen. Ein bisschen Scham schwingt mit. So ganz voller Stolz pflege ich das Laster nicht. Und es wird doch immer schwieriger, eine Ecke zu finden, an der man unbeobachtet und selbstgefällig paffen kann, der Rauch nicht in die falsche Richtung weht, keine Nachbarin pikiert hüstelt. Weder im Haus noch vor der Tür, erlaubt es der Anstand zu rauchen. Und wenn dann die Klamotten stinken und kalter Zigarettenrauch in den Haaren klebt, dann mag man sich in keiner Konferenz und in keinem Konzertsaal zwischen das Volk setzen. So schäme ich mich wieder, auch wenn es dafür keinen Begriff gibt, für die Achtlosigkeit, mit der ich mit meiner Gesundheit umgehe und dabei noch den Riechnerv meiner Mitmenschen strapaziere.

Schnitzel ess‘ ich nicht mehr.  Und doch: Wie viele Jahre hat es gedauert bis ich nicht mehr die Fleischwurst von Aldi geholt und den Thunfisch aus der Konserve gefischt habe? Wie leicht ist es mir gefallen, die mahnenden Worte meiner aufgeklärten Freunde an mir abgleiten zu lassen und wider besseres Wissen die Überfischung der Meere zu stützen und die industrielle Landwirtschaft mit ihren Schlachthöfen in Osteuropa und ihrem Gammelfleisch aus den Mastfabriken das Wachstum zu ermöglichen. Heute grille ich Auberginen und Zucchini oder verzichte ganz darauf die Holzkohle zu verfeuern. Bei mir kommt der Strom klimaneutral aus der Steckdose. Ich muss mich nicht mehr schämen. Wie ist es so weit gekommen? Wie konnten von jung auf gelebte Gewohnheiten abgelegt werden. Ist es das bessere Wissen, das mich gesünder leben lässt? Sind es die Freunde, die mich stets wieder ermahnen? Sind die Medien in der Lage, mein Handeln zu beeinflussen? Brauche ich Kontrollen und Gesetze, die mir Vorgaben machen und mir Orientierung geben? Ist es der Glaube an das Gute, die Religion oder doch nur der Preis der Ware, die mich eine rationale Entscheidung für oder wider eines Produktes treffen lässt? Sollten wir das Schnitzel verbieten oder den Verbraucher, der es sich erlaubt eines zu kaufen? Wären die Schnitzelproduzent*innen zu bestrafen? Anklage wegen Freiheitsberaubung und Verletzung der Rechte der Tiere. Da ließe sich noch allerhand Scham entwickeln und einem Zwecke dienstbar machen.

Eher belustigt blicke ich zurück auf die Zeiten als ich noch im Stehen pinkelte. Schamlos bemüht zu beweisen, dass ich nicht nur zielen konnte, sondern auch treffen würde. Das Leben in Wohngemeinschaften hat mich dann diese Gewohnheit frühzeitig ablegen lassen. Als nicht die Mutter das Klo mehr für die Familie putzte und auch eine Putzhilfe noch nicht in Aussicht war, da wurde bald klar, dass die Spritzer in der Kloschüssel besser aufgehoben waren, als etwa daneben. Und rechtzeitig bevor es zur Familiengründung kam und die eigenen Kinder nach Orientierung und Regeln fragten war diese Unart abgelegt. Definitiv, für alle, die selbst mal in die Verlegenheit gekommen sein sollten Klos putzen zu dürfen, eine Selbstverständlichkeit. Ist mir klar, dass echte Männer, mit Taschen voller Geld und schweren Säcken zwischen den Beinen, sich nicht bücken werden, solange sie sich eine Putzfrau werden leisten können. Die brauchen aber auch wenig Hirn. Muckis und das nötige Selbstbewußtsein verdrängen die Scham. Geld gegen Gewissen. Macht statt Moral.

Und so sitzen sie selbstverliebt und kraftstrotzend hinter ihrem Steuer in den hochaufgebockten, tonnenschweren, PS-lastigen Automobilen. Röhrende Auspuffe und quietschende Reifen unterstreichen die Erfolge und den Mut der Asphalt Cowboys. Ganz schamlos schiebt mich der SUV vom rechten Strassenrand, parkt der Cabrio auf dem Seitenstreifen, schimpft der glattrasierte Gauner aus dem Seitenfenster seiner schwarzen Limousine. Machtlos verdrücke ich mich im Strassengraben oder schiebe mein Fahrrad zwischen den Passanten hindurch über die Strasseninsel, um die Kreuzung zu überqueren.  Wie lange noch werden wir die Übermacht der gewaltbereiten, ungehemmten, vereinnahmenden Haudegen, Rittersleuten und Banditen noch ertragen? Was hält uns zurück? Wieviel Toleranz kann die Gesellschaft von einem erwarten? Warum schämen sich die einen und die anderen nehmen sich den Raum, ohne darauf zu achten, wer durch Lärm belästigt sein könnte oder die bloße Demonstration der Macht. Da werfen sie ihren Müll aus dem Fester und entsorgen Flaschen und Dosen im öffentlichen Raum.  Mal ganz davon abgesehen, dass die Luft uns allen gehört und wer sie stärker verschmutzt zur Rechenschaft und schließlich zur Kasse gebeten werden sollte. Wir werden in den kommenden Jahren definitiv einen Kampf um die öffentlichen Räume zu führen haben. Gerade in den Städten wird die Not größer und der Raum knapper. Wenn es keinen Platz mehr gibt zum pissen, zum schreien, zum rauchen und zum saufen, dann müssen wir andere Gewohnheiten entwickeln, um Spass zu haben und uns wohl zu fühlen. Große Autos, Lagerfeuer, laute Parties und Materialschlachten sind von gestern.

Es kann teuer werden. Das mag lächerlich klingen für diejenigen, die sowieso von allem zu viel haben. „Aber das Bekenntnis zur Genügsamkeit und gegen den Konsumismus bleibt eine hohle Phrase, solange wir uns nicht damit auseinandersetzen, welche sozialen Gruppen aufgefordert wären, ihr Verhalten im Namen des allgemeinen Interesses am stärksten zu ändern. Derzeit emittieren die Superreichen 30-40-mal mehr Treibhausgase als die ärmsten 10 Prozent der Bevölkerung“. Das jedenfalls behauptet  Jean Gadrey, ein Wirtschaftswissenschaftler aus Frankreich. In den kommenden Jahren wird uns das Thema weiter beschäftigen und die Scham wird wachsen. Ob sich die Medien dafür gewinnen lassen und mit welchem Erfolg, das wird sich zeigen. Die Tourismusindustrie wird sich aber etwas einfallen lassen müssen und auch die Automobilindustrie wird sich mit neuen Konzepten der Mobilität auseinandersetzen müssen. Die zurückgelegten Strecken pro Person werden halbiert, die Geschwindigkeit ist zu reduzieren, Produkte sollten einfacher werden, robust, reparabel und wiederverwertbar. Insgesamt sollten wir vielleicht etwas weniger produktiv sein und ein bisschen mehr arbeiten, weniger robotisiert, aber dafür ressourcen- und energieeffizienter. Mein Urlaub steht an. Wie wär’s zur Abwechslung mal mit dem Fahrrad von zuhause aus los fahren und schauen, wie weit wir kommen? Was kenne ich denn noch von meiner Umgebung? Wieviel mehr ist mir Bangkok vertraut oder London als das Lipper Land und der Taunus? Das werden wir jetzt mal überprüfen. Wir werden die Karten lesen.

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