Wissen Wollen

Wann hat das wohl alles angefangen? Und wie geht es letztendlich zuende? Was unterscheidet den Menschen vom Tier? Und welchen Einfluss haben wir durch die Art und Weise wie wir leben auf Temperatur und Klima? Was wissen wir wirklich? Und warum wollen wir etwas wissen? Wem nutzt es denn, wenn ich es wüßte und mit wem würde ich mein Wissen teilen wollen, damit es die richtigen Menschen auch erfahren? Und warum nehme ich an, wir wüßten es nicht? Oder eben nicht die Wichtigen und die Richtigen? Warum bleibe ich alleine mit meinem Wissen und mit meiner Erfahrung? Oder warum meine ich womöglich es besser zu wissen?

„Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Medien.“ Diesen Satz des Soziologen Niklas Luhmann erfahre ich aus den Medien (Spiegel Online, 5.8.2020, eine Beobachtung von Elke Schmitter, `Ein anderes soziales Spiel´). Das Zitat soll knapp 25 Jahre alt sein und so aktuell wie eh und je. Wir hören Christian Drosten, den Virologen, der in der naturwissenschaftlichen Zunft eine Autorität darstellt, was wir wiederum durch die Medien wissen. Wenn nun aber diese Medien sich ordnen lassen nach Lügenpresse (Mainstream) und den Alternativen („our goal is an enlightened society. Because only well-informed citizens can solve problems and bring about improvements democratically), was sollen wir dann glauben? Und wo es doch nicht neu ist, dass die Massen bereitwillig auf ihre bürgerlichen Rechte verzichten, wenn ihre Sicherheit in Gefahr zu sein droht. Ja, was muss ich mich dann fragen? Und wohin darf ich mich dann noch in Vertrauen wenden. Bei so viel Verschwörung.

Verwundern kann mich dabei, mit welcher Gewissheit es manche meinen zu wissen. So als ob es eine Selbstverständlichkeit sein sollte und nur die Dummen es noch nicht kapiert haben könnten. Trump weiß, wie es nicht ist und wer die Wahrheit verdreht. Das sind die Feinde. Die Bösen. Ken Jebsen weiß, wie es wirklich ist und welche Verschwörung dahinter steckt. Hinter sich vereint er die Freidenker und kritischen Geister – die ihm Glauben schenken und Dankbarkeit erweisen. Nur ich weiß es nicht und sollte es doch eigentlich besser wissen. Ich lese die Blätter für politische Bildung. Auflage 11.500. Die meisten Stimmen im gegenwärtigen öffentlichen Diskurs plädieren für massive staatliche Neuverschuldung, um möglichst rasch die Produktion und den Konsum wieder zum Brummen zu bringen und die Wachstumswirtschaft wieder herzustellen. Der Ruf lautet: „Zum Status quo vor der Krise wieder zurückzukehren“.

Warum würde ich wissen wollen was wahr ist? Warum Wissen schaffen und Wissenschaften? Wofür sollten wir noch mehr wissen wollen über Covid und Nährwerte, über physikalische Gewichte und Konstante, über Genesis und Galaxis? Was treibt uns denn so an und weg vom Ursprung? Was spaltet die Wissenden und die Unwissenden, die falsch von den richtig informierten? Von der Geburt an bis zum Tod. Von der Entstehung und der Vergangenheit, dem Kindesalter bis zum Sterbebett, von der Steinzeit bis in die Zukunft. Wir wollen es wissen, die Entwicklung verstehen, die Zusammenhänge begreifen, unser Ich in Beziehung setzen zur Umwelt. Und erfahren dabei doch nur unsere Grenzen, unsere Beschränkungen auf ein Leben, das wir zählen in Jahren, in Tagen, in Stunden. Jeden Augenblick könnten wir ausgelöscht werden und in einem schwarzen Loch verschwinden. Und da machen wir uns Gedanken über steigende Temperaturen, CO2-Emissionen, Migrant*innen, Milliardäre und Astronauten. Jubeln Siegern zu und bewundern Athlet*innen. Steigern unsere Leistungen und unsere Effizienz. Kurbeln die Produktion an und verteilen Aufgaben. Nennen es Wirtschaft und Logistik, Kultur und Materialismus. Haben Sprache und formen Worte, hinterlassen Spuren und setzen Zeichen. Warum tun wir das? Und warum halten wir das bisweilen für so wichtig?

Alles Rassisten? Werden politische Positionen nach Herkunft verteilt? „Die westliche Zivilisation ist wohl die erste, deren Selbstverständnis es nicht nur zulässt, sondern geradezu vorschreibt, dass die Schwachen den Mächtigen vorwerfen dürfen, dass diese eben die Mächtigen sind“ schreibt Levent Tezcan, politischer Flüchtling, 1988 aus Anatolien nach Deutschland gekommen. „Woher kommst du eigentlich?“ fragte ihn seine heutige Frau. Zum Glück. Denn wie anders wären sie sonst ins Gespräch miteinander gekommen. Was hat die Frage denn nun zu tun, ob indirekt oder direkt, mit dem Mord an einem Menschen? Woran wollen sich die liberalen Europäer*innen denn sonst noch alles abarbeiten?

Und wieso fällt es mir so schwer, die Wahrheit zu erkennen, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren und die Wirklichkeit zu sehen? Wo doch Informationen in grenzenlosem Umfang zur Verfügung stehen. Recherchiert, meditiert, redigiert, kontrolliert, zertifiziert, verifiziert. Alles ist versichert und bezeugt, geklärt und qualifiziert. und ich stehe und staune, von Konfuzius bis Rousseau, von Primat über Hominidae und Homo sapiens bis zu Homo puppy. „We zijn een dier dat uit zijn natuurlijke omgeving is gerukt. Een dier dat sindsdien uit alle macht probeert die gapende `mismach´ in te dammen“ schreibt Rudger Bregman in seinem Buch „die meisten Menschen taugen“. Das hat aber doch nichts mit Verschwörung und Geheimwissen zu tun. Cicero soll den Gedanken formuliert haben „To be ignorant of what occurred before you were born is to remain forever a child. For what is the value of human life, unless it is woven into the life of our ancestors by the records of history“. Was wundert es uns, wenn wir dann irgendwann erkennen, dass wir eigentlich nichts wissen und stets nur neue Anläufe unternehmen, unsere Bilder im Kopf in Worte zu fassen und abzugleichen mit der Stimmenvielfalt, die uns erreicht aus unserer unmittelbaren Umgebung. Aus dem Radio erfahre ich die neuesten Corona-Infektionsraten, Formel I Sieger und Torschützen. Zusammen mit den Wetternachrichten forme ich mir mein Bild vom Zustand dieser Welt und vor dem Hintergrund der sicheren Rückkehr der privaten Raumsonde Endeavour am 2. August, gelandet vor der Küste von Florida. „Wir schaffen das“ sagte die Kanzlerin und die drei Worte klingen noch jahrelang nach, als hätten es in der Vergangenheit nicht schon tausende vor ihr gesagt.

Aber auf mich hört niemand. Meine Macht ist beschränkt. Mein Wissen lückenhaft. Meine Fähigkeit Zahlenreihen und Namen, Definitionen und Vokabeln abzuspeichern ist unterentwickelt. Mein Hirn ist ein Sieb, nicht wie das von Uwe Schneidewind, Präsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie in Wuppertal und Kandidat für das Amt des Oberbürgermeisters in Wuppertal für CDU und Bündnis 90/Die Grünen. Er versteht es, die Wechselwirkungen von Politik und Wissenschaft zu integieren. Für mich sind das Worte. Schneidewind weiß. Ich würde gerne wollen. Er aber kann und kommt in die Medien. Ich aber denke, dass Glück aus guten, starken und gesunden sozialen Beziehungen hervorgeht und diese wiederum einen Effekt auf die Länge des Lebens haben. Das macht doch Hoffnung. Viel Glück und ein langes Leben. Gesundheit und Wohlsein. Statt Wissen und Wollen? Lieber nur ein bisschen wissen-wollen. Also, was ist der Wert von Wissen? Wissen ist Macht. Macht was. Macht nichts. Hat wer mehr. Andere haben es weniger. Ist eine Frage von Gerechtigkeit. Ist Kampf. Ist Feld. Ist Eigentum. Ist Schutz. Grenze. Nation. Identität. Hat wenig mit Wissen zu tun und mehr mit Meinung. Mag mit Wollen in Zusammenhang stehen und mit dem Willen. „Wer etwas erreichen will, muss hart sein“. Ein bisschen schroff, wahnsinnig stur, sehr von sich überzeugt, voll auf sich und das eigene Werk konzentriert. Natürlich hätte Marie Curie Kuchen backend und ihre Haare kämmend keine zwei Nobelpreise gewonnen. Die wenigen Reichen besitzen fast alles. Die Grenzen sind dicht. Das macht was. Das macht was für viele, die dagegen anrennen und zurückgehalten werden. Die in schmutzigen Behausungen vor den Toren der Städte vor sich hin vegitieren und warten. Die würden auch gerne wissen wollen wann die Zeit reif ist und sie hereingelassen werden sollen. Wissen ist Nahrung. Tomatensuppe. Neu-Land-Gewinnung. Siegertypen sitzen in den Villen und hoch oben in den Türmen und vertrauen darauf, dass die Wachleute nicht schlafen.

Vom Fluch der Entwicklung. Eine Kultur des Geld verdienens und des Wissen wollens. Von der Macht und dem Wohlstand, dem Haben und dem Sollen, dem Erbrecht und den guten Genen. Urlaub 2020: Verzicht auf Reisen und Verluste für die Tourismusindustrie. In der Regel wollen eben immer alle das gleiche sehen. In diesem Jahr sind das nicht ganz so viele. Aber sie treffen sich an den üblichen Orten. Mit und ohne Aerosole. Inzwischen treibt uns die Hitze nach drinnen. Unterdessen ist Camping das neue Normal. Wir haben uns wieder einmal ein neues Zelt gekauft. Aus lokaler Produktion. Ehrlich. Und mit dem reduzierten Steuersatz, gut für die Wirtschaft. Um die Umwelt zu schützen, für unsere Erholung, ein Zeltplatz im Königsforst. Aber wer will denn noch auf dem Land wohnen, wo es nach Gülle stinkt und das Wasser von Nitrat verseucht ist, die Lastwagen mit Mastvieh über die Landstraßen brettern, wo die Wölfe heulen und es keine Bio- sondern nur Supermärkte gibt? Landromantik kann nur im Urlaub gedeihen. Danach sind wir froh wieder zurück in unsere klimatisierten Räume in der Stadt, mit den komfortablen Duschen und den Einbauküchen zu kehren. Der Selbstbetrug der Mittelschicht. Der Reichtum ballt sich bei wenigen Familien, während die meisten fast gar kein Vermögen haben. Für eine Demokratie ist das extrem gefährlich. Wo das Schwimmbad um die Ecke und für den Winter die Sauna nicht weit weg ist, die Osteopathin noch einen Termin frei hat und die Schulen digitale Angebote machen. Als wenn wir es nicht besser wüßten. Wollen wir es wirklich wissen? Wahrscheinlich eher nicht. Schön wärs zwar, aber zu viel Mühe sollte es auch nicht machen. Also Gemach, Geduld, Gefühl und Gnade statt Wollen und Willen, Wehren und Wagen. Das jedenfalls wäre meine Schlussfolgerung aus der Frage, die mich ansprang im Sommer, warum ich lese und meine wissen zu wollen bzw. viele in meinem Umfeld Wissen schaffen und den Wissenschaften frönen.

2 Gedanken zu “Wissen Wollen

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